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Jeder siebte Neurodermitis-Fall wird nicht behandelt

Quälender Juckreiz und eine sehr trockene, empfindliche Haut: Neurodermitis, im Fachjargon atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem genannt, beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen stärker als es oft sein müsste, sagen Experten bei einem Mediengespräch in Wien. Einer Umfrage anlässlich des Welt-Neurodermitis-Tages am 14. September zufolge bestehe akuter Aufklärungsbedarf.

Vor allem der Juckreiz macht zu schaffen. SN/apa (dpa/oliver berg)
Vor allem der Juckreiz macht zu schaffen.

Bis zu fünf Prozent der Bevölkerung sind betroffen, bis zu 15 Prozent aktuell unbehandelt, so die Spezialisten. Es stünden wirksame Therapien zur Verfügung, viele Patienten wüssten aber viel zu wenig über ihre Erkrankung und die modernen Behandlungsmöglichkeiten. Leidensdruck und Scham wären nach wie vor hoch, ergab eine Studie mit 330 österreichischen Patienten, die das Bio-Pharma-Unternehmen AbbVie mit Unterstützung von hautinfo.at und der österreichischen Lungenunion initiiert hat.

Auch wenn die chronisch-entzündliche, nicht ansteckende Hauterkrankung, die oft mit Begleitkrankheiten wie Heuschnupfen in Verbindung gebracht wird, nicht heilbar ist, stehen mittlerweile Medikamente sowohl in Form von Spritzen, aber auch neuen, schnell wirksamen Tabletten zur Verfügung.

Vor allem der Juckreiz belaste viele im Alltag, mehr als die Hälfte der mittelschwer bis schwer Betroffenen gab darüber hinaus Symptome wie Brennen und nässende, blutende Hautstellen an. Zwei Drittel mit moderatem bis schwerem Verlauf können wegen des Juckreizes nicht ungestört schlafen; acht von zehn nehmen Schübe als "sehr belastend" wahr.

Insgesamt zwölf Prozent gaben an, wegen Neurodermitis mindestens einmal pro Jahr in Krankenstand zu gehen; bei mittelschwer bis schwerem Verlauf fast ein Drittel (32 Prozent). Ein Grund ist auch Scham: An sichtbaren Körperstellen belastet auch die Optik die Betroffenen massiv.

Auch die Medizinersuche kann sich als Hürdenlauf erweisen, Therapieabbrüche und häufige Arztwechsel keine Seltenheit. Fast ein Drittel (31 Prozent) gab bei einem Arztwechsel an, der Mediziner habe sich zu wenig Zeit genommen. Mehr als die Hälfte sagte aus, die Suche nach einem Experten gestalte sich schwierig. Hautärzte sind meist die ersten Ansprechpartner."

Quälend, nervig, schlimm, anstrengend" - so beschreiben die Betroffenen laut dem aktuellen Ergebnisbericht ihre Krankheit mit einem Wort. Eine Therapie soll vor allem ein Leben ohne Juckreiz ermöglichen, ein knappes Drittel zeigte sich allerdings unzufrieden mit der aktuellen Behandlung. Betroffenen sollten sich aktiv über Behandlungsmöglichkeiten informieren und ihren Arzt nach neuen Therapien fragen, hieß es. Ein zentraler Aspekt sei oft die Basispflege wie regelmäßigem Eincremen. Als besonders vielversprechend haben sich so genannte Januskinase-Hemmer erwiesen, die die Produktion entzündungsfördernder Botenstoffe unterbinden.

Andrea Maier, Medical Director von AbbVie Österreich ortete "großen Aufholbedarf" in der Information der Betroffenen und ihres Umfeldes. Vielen die Fortschritte der letzten zwei, drei Jahre nicht bewusst, pflichtete Christine Bangert, Oberärztin und Leiterin der Neurodermitis Sprechstunde an der Universitätshautklinik für Dermatologie an der Medizinischen Universität Wien, bei. Sie riet betroffenen, sich auf einen Arzttermin vorzubereiten, um die richtigen Fragen für eine individuelle Therapie parat zu haben.

Patientenvertreterin Gundula Koblmiller Vorstandsmitglied der Österreichischen Lungenunion, (bundesweite Selbsthilfevereins für Menschen mit Allergien, Lungen- oder atopischen Erkrankungen) verwies auf die finanziellen Belastungen, die rund einem Drittel beeinträchtigen.

Aufgerufen am 17.09.2021 um 05:39 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/jeder-siebte-neurodermitis-fall-wird-nicht-behandelt-109464010

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