Wissen

Kein Platz für Einstein

Albert Einstein würde heute für seine Forschung keine Förderung erhalten. Denn Ergebnisse müssen vor allem eines sein: schnell verwertbar. Zum Nachdenken über Grundsätzliches fehlt dann oft die Zeit.

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Der Sachbuchautor und Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel kritisiert im SN-Gespräch eine Wissenschaft, die viele Daten zutage fördert, aber wenig Zeit zu grundsätzlichem Nachdenken hat.

Was sind die großen Erkenntnisse der Wissenschaften und wo sehen Sie große Defizite? Schnabel: Wir haben einen ungeheuren Zuwachs an Detailinformation, an Messungen und Einzelbeobachtungen in nahezu allen Bereichen, und gleichzeitig eine große Schwierigkeit darin, diese Daten zu kohärenten Modellen oder Weltbildern zusammenzufügen. In der Hirnforschung etwa haben wir eine Explosion an Journalen, die wissenschaftliche Daten über das Gehirn publizieren. Kein Hirnforscher kann das alles überblicken. Wir wissen daher nicht, wie das Gehirn als Ganzes funktioniert.

Ähnlich ist es in der Kosmologie, wo Satelliten und Teleskope eine Flut von Daten liefern. Gleichzeitig klaffen riesige Wissenslücken in der Erklärung des Kosmos. Diese Lücken scheinen sogar größer geworden zu sein, was die Geschlossenheit eines kosmologischen Weltbilds angeht.

Früher konnte man den Menschen ein geschlossenes Weltbild anbieten. Wir wissen heute, was daran nicht richtig war. Das ist ein Fortschritt. Aber wir haben selbst kein derartiges Weltbild. Man spricht von der Dunklen Materie und von der Dunklen Energie. Das klingt nach etwas, was man kennt, aber im Grunde sind es nur Begriffe. Wir haben keine Ahnung.

95 Prozent der Materie und der Energie kennen wir demnach nicht. Ja, wobei wir voraussetzen, dass unsere Modelle der Dunklen Energie und der Dunklen Materie richtig sind. Es wird heute aber auch diskutiert, dass es diese Dunkle Materie, die seit 30 Jahren gesucht wird, vielleicht gar nicht gibt, sondern dass die Gesetze, die wir im kosmologischen Maßstab anwenden, nicht ganz zutreffend sind.

In der Medizin weiß die Krebsforschung viel über einzelne Zellen und ihre Kommunikationssysteme. Trotzdem ist die Sehnsucht groß nach einer ganzheitlichen Sicht. Wenn man zunächst die grundlegenden Funktionen der Zellmechanismen geklärt hat, dann steht die große Frage an, was Krebs tatsächlich ausmacht und wie er heilbar ist. Damit kommt der Mensch in seiner Gesamtheit ins Spiel, in seinen sozialen Beziehungen, seiner Ernährung, seiner Umwelt und Ähnlichem. Dann stellt man fest, dass man alles mit einbeziehen müsste, weil jeder Patient einzigartig ist. Daher ist heute viel von individualisierter Medizin die Rede, weil ein Mittel keineswegs bei jedem Menschen die gleiche Wirkung entfaltet.

Das ist mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild schwer zu vereinen, weil da vor allem nach Gemeinsamkeiten gesucht wird.

In der Medizin wird das immerhin durch das Thema Ganzheitsmedizin gespiegelt. Gibt es Vergleichbares in der Kosmologie oder in der Physik? In der Kosmologie haben wir das Problem, dass wir von der Erde aus sehr vieles nur indirekt messen können. Wir können nicht zum Urknall reisen oder an das Ende des Universums. Wir können nur von der Erde aus Experimente machen und versuchen, aus denen plausible Schlüsse zu ziehen.

In der Hirnforschung würde ich sagen, dass es an der Zusammenarbeit mit den Geisteswissenschaften fehlt. Da gibt es einen tiefen Graben und gegenseitige Dünkel.

Die Wissenschaft muss etwas versprechen, sonst gibt es keine Forschungsmittel. Als das menschliche Genom sequenziert werden konnte, wurde das als großer Durchbruch bejubelt. Heute wissen wir, dass das Genom allein wenig erklärt. Wie abhängig ist die Wissenschaft von Geldgebern? Die Entschlüsselung des Genoms ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man mit großen Erwartungen auf einen Punkt hin arbeitet. Sobald man dort ist, stellt man fest, dass sich mehr neue Fragen auftun, als man Antworten gefunden hat. Trotzdem gibt es heute einen hoch kompetitiven Wissenschaftsbetrieb. Forscher müssen bereits, wenn sie ein Projekt starten, ankündigen, was möglicherweise herauskommt. Das ist noch keine direkte Abhängigkeit in der Art, dass man nur im Interesse einer Firma forschen könnte. Aber es ist eine Abhängigkeit in der Art, dass man schnell möglichst viele Ergebnisse vorweisen muss. Die Wissenschaft wird stark nach quantitativen Messgrößen bewertet, etwa nach der Zahl von Publikationen.

Was es vielleicht früher gab, dass sich jemand mit einer Frage eingegraben und 20 Jahre daran getüftelt hat und dann mit einem großen Werk an die Öffentlichkeit getreten ist, das kann sich heute kaum mehr ein Wissenschafter leisten. Zumal junge Leute zusehen müssen, dass sie sehr bald etwas Verwertbares vorweisen können.

Im Einstein-Jahr 2005 haben sich ein paar Wissenschafter zusammengetan und die Frage gestellt, was wäre, wenn Einstein heute einen Forschungsantrag stellen würde, der darauf zielte, was er mit seiner Relativitätstheorie erkannt habe. Man sah, dass er niemals Geld bekommen würde, weil sein Forschungsansatz viel zu spekulativ wäre, weil er allein arbeitet, weil er an keiner Exzellenzuniversität mit einem großen Team sitzt. Das hat parodistisch die Deformation des heutigen Forschungsbetriebs aufgezeigt: Einstein könnte so, wie er es damals gemacht hat, heute nicht mehr arbeiten.

Descartes soll seine große Erkenntnis "Ich denke, also bin ich" auf der Couch gehabt haben. Müssten Wissenschafter mehr im Wald spazieren gehen? Ja vielleicht, auch wenn das Beispiel mit Descartes eher satirisch zu sehen ist. Aber die Möglichkeit, sich einmal zurückzuziehen und die Gedanken schweifen zu lassen, ist tatsächlich zentral. Es gibt erfreulicherweise ein paar Orte, an denen das gepflegt wird. In Deutschland ist das unter anderem das Wissenschaftskolleg Berlin. Das ist eine Villa in Grunewald, in die man als erfolgreicher Wissenschafter eingeladen wird, ein Jahr lang in Ruhe nachzudenken. Es geht nicht darum, dass man am Ende etwas Verwertbares vorzeigt, sondern die wichtigste Auflage ist, dass man täglich mit den anderen Stipendiaten, die vielleicht an ganz anderen Themen forschen, zu Mittag isst, um aus der eigenen kleinen Blase herauszukommen.

Wir haben quantitativ ein riesiges Wissen. In welche Qualität sollte, könnte das umschlagen? Wir erleben zum Beispiel in der Medizin eine ungeheure Anhäufung von Daten. Die Hoffnung ist, dass man irgendwann allein aus dieser schieren Masse an Daten mehr über den Menschen wissen wird. Ich bin da ein bisschen skeptisch, weil der Mensch als einzigartiges Wesen dabei verloren geht. Viele Daten ergeben nur einen Mittelwert.

Wohin sollte es gehen? Interessant erschiene mir der Versuch, den Menschen als ganzheitliches Leib-Seele-Wesen zu begreifen - wenn ich das einmal so altmodisch ausdrücken darf. Das ist freilich sehr schwierig. Ein Hirnforscher sagte mir dazu: Wie soll denn eine Versuchsanordnung dafür aussehen? Wie sollen wir das im Labor testen?

Trotzdem: Eine Wissenschaft, die im Blick hat, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Teile, die sich im Labor erforschen lassen, könnte uns wirklich helfen.

Also mehr Philosophinnen und Philosophen? Die aber dann mit den anderen Wissenschaften in einen fruchtbaren Streit treten.

Ulrich Schnabelist Physiker und arbeitet seit 1993 als Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" in Hamburg. Viel gelesene Bücher sind "Die Vermessung des Glaubens", "Muße. Vom Glück des Nichtstuns" .

Aufgerufen am 20.06.2018 um 05:25 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/kein-platz-fuer-einstein-27802705

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