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Lebt es sich leichter ohne Plan?

Die Pandemie hat uns heuer einen Strich durch sämtliche Vorhaben gemacht. Sollte man Neujahrsvorsätze für das kommende Jahr also getrost bleiben lassen? Wie man sich die Ungewissheit zur Verbündeten macht.

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Es war der perfekte Plan: Bis in das kleinste Detail hatte er ausgetüftelt, wie er die Goldbarren aus dem fahrenden Zug rauben wollte. Und dann kam alles anders. Das Gold war anders abgesichert als gedacht - und obwohl der Coup trotzdem gelingt, wird der Gauner wegen einer anderen Causa von der Polizei verhaftet. Edward Pierce, gespielt von Sean Connery im Film "Der große Eisenbahnraub" (1979), ist aber nicht der Einzige, dem Pläne nicht aufgehen.

Das Jahr 2020 hat uns mit Wucht gezeigt, wie wenig man sich darauf verlassen kann, bei Plänen auch wirklich bis zur Umsetzung zu kommen. Die Pandemie wirbelte Stundenpläne durcheinander, durchkreuzte Reisepläne, Finanzpläne blieben auf der Strecke. Vielleicht der ideale Zeitpunkt, um sich unsere Planungsgesellschaft einmal genauer anzusehen. Planen wir unser Leben zu sehr durch? Und bringen gute Vorsätze für das neue Jahr überhaupt etwas?

Es kommt darauf an. Zunächst einmal: auf die Art des Plans. "Bis zu einem gewissen Grad sind Pläne sehr sinnvoll", sagt Birgit Artner, Arbeits- und Organisationspsychologin beim AMD Salzburg, der Gesellschaft für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Arbeitspsychologie. "Wir scheitern aber oft an unseren Plänen, weil sie zu unrealistisch gestaltet sind." Kleine Ziele setzen, Zwischenziele einbauen - das sei der richtige Weg. Also sich lieber "drei Kilo pro Monat weniger" vornehmen als sich ein Jahresziel von "30 Kilo abspecken" aufhalsen. Mit weniger hoch gesteckten Zielen wiegt die Bürde nicht so schwer, Erfolgsaussichten steigen. Schlussendlich gehe es aber immer auch um den eigenen Antrieb: Wie wichtig ist mir das Vorhaben wirklich?

Was aber auch - wie so oft im Leben - eine Rolle spielt: Welcher Typ bin ich? "Ob man sein Leben durchplanen will, ist letzten Endes persönlichkeitsabhängig", sagt die Psychologin. Manche Menschen brauchen Listen als Anker, andere lassen sich nicht einmal von sich selbst gern Dinge vorschreiben.

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Man kann sein Leben planen, sollte aber flexibel bleiben.
Birgit Artner, Arbeits- und Organisationspsychologin beim AMD Salzburg

Egal ob man nun sein Leben gern in Konzepte packt oder nur vage Ideen im Kopf hat, eines haben alle Pläne gemeinsam: Das letzte Wort hat immer noch das Leben selbst. "Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen", sang schon John Lennon in seinem Lied "Beautiful Boy" im Jahr 1980. Mit Plänen, die geschmiedet werden, sind immer auch Erwartungen verbunden. "Sind diese zu festgefahren, kann das schnell zu Enttäuschungen führen", sagt Birgit Artner.

Die Coronapandemie zeigt: Menschen, die flexibler und zugleich realistischer sind, leben deutlich besser mit der Krise. "Entscheidend ist auch, ob man die Fähigkeit besitzt, Perspektiven zu wechseln", sagt Artner. Tipps der Expertin: das eigene Blickfeld öffnen und sich immer beide Seiten vor Augen führen. Was ist schlecht, was ist aber vielleicht auch gut an einem Ereignis? Welche Chancen kann eine Planänderung mit sich bringen?

Geht es um Flexibilität im Leben, ist schnell von Resilienz die Rede. Der Fähigkeit, sich an unvorhergesehene Lebensereignisse anpassen zu können. "Ich kann mich über Dinge, die nicht funktionieren, aufregen oder aber akzeptieren, dass Veränderung zum Leben dazugehört", sagt die Psychologin. Anstatt Energien zu verschwenden, "sollte ich überlegen, wo ich Positives für mich herausziehen kann".

Das sieht auch Notker Wolf ähnlich. Bis 2016 war er Abtprimas der Benediktiner im bayerischen Sankt Ottilien. Vor etwa drei Jahren schrieb er das Buch "Gute Vorsätze" und erklärte darin, dass Vorsätze wichtig seien, weil sie uns auffordern, über unser Leben und unsere Rolle in der Welt nachzudenken. Gleichzeitig seien sie aber auch lächerlich, weil wir immer wieder an ihnen scheitern. "Man kann sein Leben planen, sollte aber flexibel bleiben", sagt er. "Weil es erstens anders kommt und zweitens, als man denkt." Sein Gelassenheitsrezept: Dinge auch manchmal auf sich zurollen lassen. "Und wenn man auf die Nase fällt, kann man aufstehen und sich neu sortieren."

Auch seine Pläne sollte man von Zeit zu Zeit neu ordnen und immer wieder überdenken. "Schieben Sie nicht alles, was sich heuer nicht ausging, in das kommende Jahr", rät Psychologin Birgit Artner. Das führe zu innerem Stress. Bei alten Plänen lohne sich die Frage: Ist das wirklich noch wichtig für mich?

Dabei bleibt die Frage, welche guten Vorsätze für das neue Jahr übrig bleiben sollen. "Planen Sie mehr Ruhephasen für sich selbst ein, seien Sie nachsichtig mit sich", rät die Psychologin. Häufig drehen sich Pläne um Gesundheit. "Man kann aber in alle Richtungen denken und sich etwa fragen, was man schon immer ausprobieren wollte."

Und was nimmt sich ein emeritierter Abtprimas für das kommende Jahr vor?"Ich habe noch genügend Vorsätze aus dem alten Jahr übrig", sagt Notker Wolf. Regelmäßig um fünf Uhr aufstehen, Frühsport machen und eine Heiß-kalt-Dusche genießen. "Danach freue ich mich auf den Tag." Mit genügend Freude lebe es sich leichter. "Wichtig ist, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Dann kann ich die Natur sehen und habe das Gehör für das Gezwitscher der Vögel."

Das helfe auch in der Krise. Weniger sei häufig mehr. Notker Wolf denkt zurück an Weihnachten während des Krieges. "Wir hatten fast nichts und haben trotzdem gefeiert." Auch zu Silvester lasse er sich das gemeinsame Beten, wenn auch virtuell, nicht nehmen: "Es geht schließlich um die Besinnung auf den Wert des Lebens."

Aufgerufen am 21.05.2022 um 10:16 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/lebt-es-sich-leichter-ohne-plan-97634764

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