Wissen

Neue Studie: Vor allem Aufforstung könnte Nahrungsversorgung negativ beeinflussen

Senkt man den Treibhausgasausstoß in der Land- und Forstwirtschaft, kann das einer Analyse im Fachblatt "Nature Food" zufolge Probleme bei der Nahrungsmittelversorgung mit sich bringen.

Vor allem das Vorantreiben von Aufforstungsmaßnahmen und der gleichzeitige Wegfall von Agrarflächen könne zu höheren Lebensmittelpreisen führen. Das wiederum erhöhe das Risiko von Millionen Menschen, Hunger zu leiden. Am stärksten betroffen davon wäre das südliche Afrika.

Die Land- und Forstwirtschaft trug im Jahr 2010 geschätzt zwischen 20 und 25 Prozent zum weltweiten Treibhausgasausstoß bei, wie die Wissenschafter in ihrer Arbeit schreiben. Dort ließen sich zwar viele Emissionen einsparen, es gebe aber Grenzen. Eine davon ist die Gefahr, dass Maßnahmen zum Erreichen der Pariser Klimaziele letztlich dazu führen, dass mehr Menschen von Hunger bedroht wären.

Eine Anfang Februar im Fachmagazin "Nature Sustainabiliy" erschienene Untersuchung kam zu dem Schluss, dass dies durchaus zu größeren Problemen führen kann: Würde man wie vielfach gefordert 30 Prozent der Landflächen unter strengen Naturschutz stellen, der dort keine Landwirtschaft mehr zulässt, könnte das vor allem in Südasien und Subsahara-Afrika auch zu mehr Ernährungsengpässen führen, berichtete ein Team um Roslyn Henry von der University of Edinburgh (Großbritannien), dem auch ein Forscher vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien angehörte.

An der aktuellen Studie sind mit Shinichiro Fujimori, Stefan Frank, Petr Havlik und Hugo Valin ebenfalls am IIASA tätige Forscher beteiligt. Das internationale Team um den auch an der Kyoto University (Japan) arbeitenden Erstautor Fujimori hat sich in seiner Analyse nun die möglichen Effekte dreier Faktoren angesehen, die im Land- und Forstwirtschaftssektor die anfallenden Treibhausgase reduzieren können. Dies ist einerseits der oft kritisierte vermehrte Anbau von "Energiepflanzen" etwa rein zur Erzeugung von Biotreibstoffen. Durch die Konkurrenzsituation mit der Nahrungsmittelproduktion kann dies die Lebensmittelpreise erhöhen.

Als zweiten Faktor ging man Effekten nach, die die Eindämmung von Methan- und Lachgasemissionen, beispielsweise durch das Bepreisen des Ausstoßes dieser gegenüber CO2 noch stärker wirkenden Treibhausgase, haben könnte. Immerhin geschätzte zehn bis zwölf Prozent des vom Menschen verursachten Treibhausgasausstoßes entfallen derzeit auf Methan und Lachgas. Der Großteil davon stammt aus der Landwirtschaft, wenn etwa massenweise Kunstdünger eingesetzt wird bzw. sie stammen aus dem Verdauungstrakt von Nutztieren. Verteuert man diese Formen der Nahrungsmittelproduktion, hätte das direkt höhere Preise zur Folge. Die dritte Strategie, um die Emissionen durch Landnutzung durch den Menschen zu senken, ist die Aufforstung. Würde die Politik dies allerdings verstärkt fördern, könnten wiederum wichtige landwirtschaftliche Anbau- und Weideflächen abhandenkommen.

Die Forscher rechneten eine Vielzahl an Szenarien durch, die mit dem Ziel vereinbar wären, den Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts auf unter zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Demgegenüber stand immer ein Szenario ohne größere Veränderungen. Im Vergleich ergaben die Analysen, dass im Jahr 2050 rund 42 Millionen Menschen zusätzlich Gefahr laufen könnten, Hunger zu leiden, wenn Aufforstungsmaßnahmen stark vorangetrieben würden. Würden Energiepflanzen auf Kosten von Flächen zur Nahrungsmittelerzeugung forciert, erhöhe sich das Hungerrisiko für knapp unter elf Millionen Menschen. Starke Anstrengungen zur Verminderung von Methan- und Lachgasemissionen würden das Risiko für knapp weniger als 27 Millionen Menschen erhöhen, berichten die Wissenschafter.

Bei vielen Szenarien komme man auf Preissteigerungen bei Lebensmitteln um die 30 Prozent. Am stärksten durchschlagen würde dies daher im einkommensschwachen südlichen Afrika. Es gebe aber auch viele Möglichkeiten, der anzunehmenden Teuerung etwa durch Subventionen politisch zu begegnen, so die Autoren. Um negative Auswirkungen von Klimaschutzmaßnahmen abzufedern, brauche es darüber hinaus eine insgesamt gerechtere Verteilung von Lebensmitteln, die Reduktion des Fleischkonsums und weniger Lebensmittel, die im Müll landen. Jedenfalls müsse das Thema Nahrungsmittelsicherheit bei Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen stärker mitbedacht werden, betonen die Forscher.

Aufgerufen am 17.05.2022 um 02:21 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/neue-studie-vor-allem-aufforstung-koennte-nahrungsversorgung-negativ-beeinflussen-117542428

Kommentare

Schlagzeilen