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"Papstrücktritt ist moralisch nicht immer erlaubt"

Der Historiker und Kardinal Walter Brandmüller hofft, dass das Beispiel von Benedikt XVI. keine Schule macht.

"Papstrücktritt ist moralisch nicht immer erlaubt" SN/APA (AFP)/JANEK SKARZYNSKI
Historiker hoffen, dass dieses Papst nicht zurücktritt.

Der deutsche Kardinal Walter Brandmüller hat sich gegen einen päpstlichen Amtsverzicht aus rein persönlichen Gründen ausgesprochen. Auch wenn

das Kirchenrecht die Möglichkeit nenne, bedeute dies nicht, dass ein Rücktritt "ohne Weiteres moralisch erlaubt ist", schrieb der frühere Leiter der Päpstlichen Historikerkommission in einer Onlinezeitschrift. Voraussetzung seien objektive, institutionelle und auf das Wohl der Kirche zielende Motive.

In das Reich erbaulicher Spekulationen oder religiöser Poesie gehöre die Vorstellung, dass ein zurückgetretener Papst weiterhin gleichsam mystisch am Papstamt teilhabe, so Brandmüller. "Ein zweiköpfiges Papstamt wäre eine Monstrosität." Rechtlich sei ein zurückgetretener Papst "nicht mehr Bischof von Rom, nicht Papst und nicht Kardinal".

Nach dem Amtsverzicht von Benedikt XVI. im Jahr 2013 sei der irrige Eindruck entstanden, der "einzigartige und heilige Petrusdienst" sei nun auf der gleichen Ebene wie befristete demokratische Ämter. Ein solches "weltlich-politisches Verständnis" berge die Gefahr, dass künftig Rücktrittsforderungen erhoben werden könnten. "Der Amtsverzicht des Papstes ist möglich und ist vollzogen worden. Aber es ist zu hoffen, dass er nie wieder vorkommt", schreibt Brandmüller.

Der Historiker erinnerte an eine frühere Auseinandersetzung zu dem Thema unter Bonifatius VIII. (1294-1303). Damit ein Amtsverzicht nicht nur gültig, sondern auch moralisch erlaubt sei, müsse ein gerechter Grund vorliegen. "Ein Band, das so eng ist wie das zwischen Papst und Kirche, kann nicht willkürlich gelöst werden", schrieb Brandmüller. Um die Freiwilligkeit und damit die Gültigkeit eines Amtsverzichts durch einen Papst sicherzustellen, schlug Brandmüller vor, das Kardinalskollegium in diese Entscheidung einzubinden.

Dringend zu klären sei auch der Status eines ehemaligen Papstes. Denkbar wäre es, einen Papst unmittelbar nach seinem Amtsverzicht zu einem Kardinal ohne aktives und passives Papstwahlrecht zu machen. Um den Eindruck zu zerstreuen, es gäbe zwei Päpste, sollte der frühere Amtsinhaber seinen Familiennamen wieder annehmen.

Neben Fragen der Kleidung, des Wohnsitzes und der späteren Beerdigung seien auch Sozial- und Medienkontakte des zurückgetretenen Papstes so zu regeln, dass unter Wahrung seiner Personwürde "jede Gefahr für die Einheit der Kirche ausgeschlossen" werde.

Quelle: SN, Kap

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