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Schützen alte Impfungen vor neuem Coronavirus?

Lebendimpfstoffe können das Immunsystem insgesamt stärken. Eine Notlösung?

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Anfang Juni waren es schon mehr als 140 Forschungsprojekte weltweit, die sich damit beschäftigen, einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus zu entwickeln. Einzelne Pharmafirmen preschen optimistisch vor und glauben, bereits im Herbst mit einem Impfstoff aufwarten zu können. Die große Mehrheit der Experten rechnet aber frühestens im kommenden Jahr mit einer Impfung gegen Covid-19, manche sogar erst mit 2022. Umso mehr gewinnen deshalb anlaufende Studien an Bedeutung, die sich mit möglichen Schutzwirkungen bereits existierender Impfungen gegen andere Viren befassen.

Die Immunologin Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien, verweist dazu auf einen aktuellen Artikel im Fachblatt "Science". Dort haben Forscher der US-Arzneimittelbehörde FDA eine Studie angeregt, um vor allem die Wirksamkeit des oralen Polio-Impfstoffs OPV gegen das neue Coronavirus zu untersuchen. In früheren Studien konnte man von dieser Schluckimpfung auch einen gewissen Schutz vor anderen Viren wie Grippeerregern nachweisen. Daneben hat unter anderem auch der Tuberkuloseimpfstoff BCG das Interesse der Forscher geweckt.

In beiden Fällen sind das Lebendimpfstoffe, wie Wiedermann-Schmidt erklärt. Lebendimpfstoffe enthalten geringe Mengen vermehrungsfähiger Krankheitserreger, die jedoch so abgeschwächt wurden, dass sie die Erkrankung selbst nicht auslösen, sondern nur die Immunabwehr darauf trainieren. In den Siebziger- und Achtzigerjahren konnte durch diese Impfungen die Gesamtsterblichkeit der Kinder stark verringert werden. "Die TBC- und Polioimpfungen haben also nicht nur gegen die Viren gewirkt, gegen die sie direkt gerichtet waren", erklärt dazu die Immunologin. Früher sei man davon ausgegangen, dass das angeborene Immunsystem nicht mehr veränderbar sei. Heute wisse man, dass man die Gedächtnisleistung von Immunzellen (nicht nur von T- oder B-Zellen, sondern auch von Makrophagen, also Fresszellen) gezielt trainieren kann, man nennt dies "trained innate immunity". Vereinfacht ausgedrückt, kommt es durch Lebendimpfstoffe offenbar zu lang anhaltenden Veränderungen in Immunzellen oder deren Vorläuferzellen, die die Körperabwehr insgesamt verbessern.

Für Wiedermann-Schmidt ist das auch eines der gewichtigsten Argumente, die Impfgegnern den Wind aus den Segeln nehmen. Ein klassisches Beispiel dafür sind die Masernviren, durch die das Immunsystem nach durchlittener Erkrankung nicht gestärkt, sondern zum Teil zerstört wird. Die Masernviren bringen, wie Wiedermann-Schmidt erklärt, bereits erworbene Gedächtniszellen des Immunsystems um. Man verliert also einen bereits erworbenen Schutz gegen Krankheiten. Die Impfung verhindert das.

Die Immunologin der MedUni Wien schließt nicht aus, dass zum Beispiel auch der Masernimpfstoff oder die Impfung gegen Feuchtblattern ähnliche Wirkungen erzielen könnten, wie man sie bei der TBC- und Polioimpfung vermutet. "Tatsache ist jedenfalls, dass man durch die Masernimpfungen die Gesamtsterblichkeit in den Entwicklungsländern deutlich senken konnte."

So verlockend es ist, mit diesen Impfstoffen zu experimentieren, so sehr gibt es für die Experten auch gewichtige Gegenargumente. Gerade bei älteren Menschen oder bei jenen mit schwachem oder künstlich unterdrücktem Immunsystem kann man Lebendimpfstoffe gar nicht verwenden. Wiedermann-Schmidt kann sich einen Einsatz schon eher für Gesundheitspersonal vorstellen, das einen möglichst breiten Schutz benötigt. Dazu kommt, dass die ins Visier genommenen Impfstoffe gar nicht mehr eingesetzt würden. Gegen den einzigen noch verbliebenen Poliovirusstamm geht man nicht mit einem Lebend-, sondern einem Totimpfstoff vor. Und diese Impfstoffe richten sich ähnlich wie die Grippeimpfungen viel spezifischer gegen die anvisierten Viren und haben kaum Effekte für das allgemeine Immunsystem. Das heißt zum Beispiel auch, dass sich Grippeimpfstoffe nicht gegen Coronaviren richten können.

Fazit: Auch wenn das Immunsystem durch einige Lebendimpfstoffe zumindest teilweise gegen SARS-CoV-2 trainiert werden könnte, bedarf es dazu sorgfältiger Studien. Die aber brauchen Zeit. Gefragt sind in der Übergangsphase jedoch schnell verfügbare Rezepte.

Aufgerufen am 25.11.2020 um 09:37 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/schuetzen-alte-impfungen-vor-neuem-coronavirus-89265748

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