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Sportler können auch ohne Doping Höchstleistungen erzielen

Dopingsünder behaupten oft, nur mit unerlaubten Hilfsmitteln sei Erfolg möglich. Sie sollten sich besser fragen, ob sie alle sauberen Potenziale ausschöpfen.

Auch im Spitzensport sind noch längst nicht alle Spielräume im Training und im psychischen Bereich ausgeschöpft. SN/stock adobe
Auch im Spitzensport sind noch längst nicht alle Spielräume im Training und im psychischen Bereich ausgeschöpft.

Kann Hochleistung im Sport wirklich nur mit Doping realisiert werden, wie das überführte Sportler wie der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr behaupten? Dieser Tage erneuerte er vor Gericht Aussagen, dass man im Österreichischen Skiverband (ÖSV) Doping dulde. Der ÖSV hatte Dürr auf Unterlassung solcher Behauptungen geklagt.

Vom Verhalten erwischter Dopingsünder auf eine allgemein gelebte Praxis im Spitzensport zu schließen ist jedoch scharf zurückzuweisen. Solche Aussagen bringen viele saubere Sportler und Sportlerinnen ins falsche Licht.

Natürlich ist es naiv zu glauben, dass in der Elite des Leistungssports niemand mit gezinkten Karten spielt. Es ist auch eindeutig belegt, dass man mit Doping, wie mit Eigenblut oder EPO (erhöht die Zahl roter Blutkörperchen), klar leistungssteigernde Effekte erzielen kann. Jüngste Aussagen, dass Doping eine Steigerung der komplexen sportlichen Leistungsfähigkeit von 10 bis 15 Prozent bewirkt, sind jedoch aus der Luft gegriffen und suggerieren Quantensprünge durch Doping. Dies würde bedeuten, dass ein halbwegs gut trainierter Skilangläufer bei einer Wettkampflaufzeit von 28 bis 30 Minuten über zehn Kilometer allein durch Doping, wie die Rückführung von Eigenblut, auf einmal um drei bis viereinhalb Minuten schneller läuft. Das ist utopisch.

Das individuelle genetische Potenzial eines Athleten wird zu oft unterschätzt. Genforscher sprechen bei Ausdauer- oder Schnellkraftsportarten davon, dass die Genetik einen Einfluss von 50 bis 75 Prozent auf die Leistung hat. Hochleistungssport ist ein Selektionsprozess, in dem sich aus zigtausenden Sportlern nur die talentiertesten und begnadetsten durchsetzen werden. Der Spruch "Aus einem Esel kann man kein Rennpferd machen" bringt es im Hochleistungssport auf den Punkt.

Bei der Aussage, dass alle im Spitzensport dopen, muss man sich selbst als Sportler einmal hinterfragen, ob man das volle Potenzial auf einem sauberen Weg tatsächlich ausgeschöpft hat. In meinen Studien und Publikationen in internationalen Journalen dazu konnte ich zum Beispiel aufzeigen, wie sehr sich gerade der Skilanglauf in den vergangenen Jahrzehnten drastisch verändert hat. Vor allem die Einführung der Sprintbewerbe hat dazu geführt, dass neue Trainingsinhalte in das Training von Skilangläufern aufgenommen wurden. Diverse Formen von hochintensivem Intervalltraining, die Abkehr vom "Schwellentraining" (Hauptfokus auf die mittlere Intensitätszone) hin zum "polarisierten Training" (Hauptfokus auf niederintensives Training kombiniert mit hochintensivem Training) und gezielte "hochintensive Schockzyklen" wurden ins moderne Training implementiert.

Einige progressive Trainer und Athleten fingen im Krafttraining an, anstatt des gewöhnlichen, sehr energieraubenden Kraftausdauerzirkels mit höheren Lasten zu arbeiten. Explosivkraft- und Freihanteltraining mit "Olympic Lifts" wie Reißen, Stoßen, Kniebeugen waren auf einmal auf den Trainingsplänen von Skilangläufern zu finden. Es zeigte sich, dass diese neuen Reize und Trainingsimpulse erfolgreich waren. Sie machten nicht nur die Skilanglauf-Sprinter, sondern auch die Distanzläufer schneller. Auch kam es zu drastischen Technikänderungen im Skilanglauf. Die "modernen Techniken" sind geprägt durch schnellkräftige, explosive Krafteinsätze mit hoher Ganzkörperdynamik. Als Beispiel haben sich die gemessenen Kräfte in den Skilanglaufstöcken durch diese Technikänderungen um bis zu 150 Prozent über die vergangenen 15 Jahre gesteigert. Und die Bodenkontaktzeiten (wie lange der Stock oder das Bein auf dem Boden ist) sind vergleichbar mit Sprung- und Sprintsportarten.

Haben sich der Verband, Trainer und des Dopings überführte Athleten, wie Dominik Baldauf, Max Hauke oder Johannes Dürr, schon einmal die Frage gestellt, ob bei ihnen wirklich das saubere Potenzial ausgeschöpft wurde? Wurde nach neuesten Methoden trainiert? Entspricht die Bewegungstechnik dem biomechanischen und bewegungswissenschaftlichen Stand des Wissens? War die Leistungsdiagnostik adäquat und die Trainingssteuerung entsprechend angelegt? Wurde psychologisch das volle Potenzial genützt? Ernährung, Erholung, Materialsektor sind weitere Schlagworte, die die Komplexität von Leistungssport spiegeln.

Ich denke, die Antwort auf die hier gestellten Fragen lautet Nein. Auf Basis von Rückmeldungen in diversen Trainerausbildungen und Beobachtungen der Bewegungstechnik bei Wettkämpfen scheinen manche Konzepte nach wie vor im letzten Jahrtausend hängen geblieben zu sein.

Thomas Stöggl ist Sportwissenschafter an der Uni Salzburg und ehemaliger Spitzen-Skilangläufer.

Quelle: SN

Aufgerufen am 07.12.2019 um 08:24 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/sportler-koennen-auch-ohne-doping-hoechstleistungen-erzielen-70048039

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