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Verkürzen Luftschadstoffe das Leben?

Die Debatte über die Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub oder Stickoxide geht weiter. Eine neue Studie zeigt, dass die Gesundheitsrisiken bisher sogar unterschätzt wurden. Vor allem hinsichtlich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Ein Großteil des Feinstaubs und anderer Luftschadstoffe stammt aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe. SN/gerald stoiber
Ein Großteil des Feinstaubs und anderer Luftschadstoffe stammt aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe.

Luftverschmutzung gefährdet die Gesundheit der Menschen. Aber wie sehr? In der derzeit in Europa geführten Diskussion über Grenzwerte von Stickoxiden und Feinstaubpartikeln sowie Dieselfahrverbote gibt es unterschiedliche Meinungen, ab wann dicke Luft schädlich ist.

Zwei Forscher, der Chemiker Jos Lelieveld, Atmosphärenforscher vom Max-Planck-Institut für Chemie, und der Kardiologe Thomas Münzel von der Universität Mainz, zeigen in ihrer jüngsten Studie, dass Luftverschmutzung die durchschnittliche Lebenserwartung der Europäer um etwa zwei Jahre verringert. Weltweit sterben jährlich 120 Menschen pro 100.000 Einwohner vorzeitig an den Folgen von verschmutzter Luft. In Europa sollen es sogar 133 sein. In mindestens der Hälfte der Fälle sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache.

Schlechte, mit Feinstaub belastete Luft führt zu Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das ist bereits seit Langem bekannt. Doch diese gesundheitliche Belastung stellt gemäß der Mainzer Studie offenbar ein größeres Gesundheitsrisiko dar als angenommen.

Hauptargument der Kritiker solcher gesundheitsbezogenen Studien über Luftverschmutzung ist, dass es sich hierbei immer nur um statistische Abschätzungen und Hochrechnungen handle. Die Mainzer Forscher aber wandten eine möglichst kleinräumige Methode an, um mit ihren Berechnungen möglichst konkret zu sein: Sie ermittelten zunächst die regionale Belastung mit Schadstoffen wie Feinstaub und Ozon mithilfe eines etablierten, datengestützten Atmosphärenchemiemodells.

Diese Werte verknüpften sie dann mit krankheitsspezifischen Gefährdungsraten aus epidemiologischen Daten plus Bevölkerungsdichte plus Todesursachen in diesen Regionen.

Das Ergebnis spricht für sich: Die Mainzer Forscher korrigieren mit ihrer im "European Heart Journal" veröffentlichten Studie die Berechnungen des aktuellen Global Burden of Disease (GBD), einer weltweiten Gesundheitsstudie.

Dort geht man von einer globalen Sterblichkeitsrate durch Luftverschmutzung von 4,5 Millionen Menschen pro Jahr aus. Der neu berechnete Wert liegt fast doppelt so hoch: 8,8 Millionen. In Europa sterben demnach jährlich 800.000 Menschen vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung.

Laut der Neuberechnung der Mainzer Forscher reiht sich schlechte Luft damit in die Liste der bedeutendsten Gesundheitsrisiken wie Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rauchen ein. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt die Mortalität durch Tabakrauch auf 7,2 Millionen Menschen pro Jahr - inklusive Passivrauchen. Somit ist verschmutzte Außenluft ein ähnlich großer Risikofaktor.

Der Chemiker Lelieveld betont gegenüber den SN, dass vor allem Feinstaub Hauptursache für Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind. "Das Fazit unserer Studie ist: Der europäische Grenzwert für Feinstaub pro Jahr von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ist zu hoch", fügt der Herzspezialist Münzel hinzu. Der Wert liege weit über der Richtlinie der WHO von zehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Da ein Großteil des Feinstaubs und anderer Luftschadstoffe aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe stammt, plädieren die Forscher für den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien. "Damit könnten wir die von Luftverschmutzung verursachte Sterberate in Europa bis zu 55 Prozent verringern", sagt Lelieveld.

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