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Vor allem Hunger und Krankheiten machten Europäer laktoseverträglich

Forscher fanden deutliche Hinweise, dass Bewohner der Alten Welt schon Milch tranken lange bevor sie diese vollständig verwerten konnten.

Dass Menschen auch nach dem Säuglingsalter noch Milch gut vertragen, hat sich erst im Laufe der Evolution so entwickelt, sagen Forscher.  SN/APA/HERBERT PFARRHOFER/HERBERT P
Dass Menschen auch nach dem Säuglingsalter noch Milch gut vertragen, hat sich erst im Laufe der Evolution so entwickelt, sagen Forscher.

Der Mensch nutzt Milchprodukte nachweislich bereits seit der Domestikation von Schafen und Ziegen vor rund 11.000 Jahren. Moderne Analysen alter DNA legen aber nahe, dass die Genvariante, die das effiziente Verarbeiten von Milchzucker (Laktose) auch nach dem Säuglingsalter ermöglicht, erst seit der Bronze- und Eisenzeit weit verbreitet ist. Forscher zeigen nun in einer Studie, dass diese Entwicklung vermutlich vor allem durch Hunger und Krankheiten befördert wurde.

Während es vor allem im nördlichen Europa starke Hinweise auf die breite Nutzung von Milchprodukten schon für die Zeit vor rund 6.000 Jahren gibt, fehlte den jungsteinzeitlichen Bauern noch über längere Zeit hinweg jene Erbgutvariation, die die "Laktasepersistenz" ermöglichten. Durch diese heute in Europa weit verbreitete Genveränderung bleibt auch nach dem Säuglingsalter die Konzentration des Enzyms Laktase im Verdauungstrakt hoch genug, um den Milchzucker effizient zu verwerten. Ist man darauf nicht eingestellt, kann Milchkonsum zu Magenkrämpfen, Durchfall oder Flatulenzen führen.

Trotz der vielen Jahre seit Auftreten der Genvariation ist sie nicht überall gleich weit verbreitet. So ist der Anteil der laktoseverträglichen erwachsenen Menschen bis heute in Nordeuropa am höchsten, während er in Ostasien oder Afrika am niedrigsten ist. Für diese Anpassung und die Unterschiede in ihrer Verbreitung gibt es eine ganze Reihe an möglichen Erklärungen. Eine davon bringt das Nord-Süd-Gefälle mit dem regionalen Ausmaß an Milchkonsum in früheren Zeiten in Verbindung, wie die Wissenschafter um Richard Evershed von der University of Bristol (Großbritannien) in ihrer Arbeit im Fachjournal "Nature" schreiben.

Das Team, dem u.a. auch Eva Lenneis von der Universität Wien angehörte, suchte nach heute noch nachweisbaren Milch-Überbleibseln an Keramikgefäßen aus archäologischen Grabungen. Sie sammelten solche Behälter und andere organische Rückstände von 554 Fundorten in Europa und Südwestasien. Aus Österreich wurden Keramikbruchstücke aus frühen jungsteinzeitlichen Siedlungen einbezogen, die in verschiedenen Depots des Landes Niederösterreich lagerten. In den Fundstücken aus ihren früheren Ausgrabungen suchte Lenneis speziell nach Resten von Rändern der alten Gefäße, wie sie der APA mitteilte. Da Milch an der Oberfläche einen Fettrand bildet und Fett dort am ehesten in die Keramik eindringt, fokussierte man sich darauf. Untersucht wurden die Proben einheitlich in England.

6.899 Reste tierischer Fette konnten so identifiziert werden. Daraus schlossen die Forscher auf den regionalen prähistorischen Milchkonsum in Europa im Zeitraum von rund 7.000 Jahren vor in etwa bis zum Jahr 1500 nach Christus. Durchgehend viel Milch wurde demnach vor allem auf den britischen Inseln, in Westfrankreich und in Nordeuropa konsumiert - und zwar schon ungefähr ab dem Jahr 5500 vor Christus. In Mitteleuropa, das als Ort der Entstehung der genetischen Anpassung gilt, scheint der Konsum etwas weniger hoch gewesen zu sein. Insgesamt gab es bedeutende Unterschiede über die Zeit hinweg in vielen Regionen, so die Forscher.

Die neuen Daten verglichen sie mit DNA-Informationen von 1.786 Menschen, die in dem Untersuchungszeitraum lebten. Erstmals nachweisbar war die Genanpassung in etwa 4.700 bis 4.600 Jahre vor Christus, weiter verbreitet aber erst rund 3.000 Jahre später. Für viele Europäer waren Milchprodukte also ein wichtiger Teil der Ernährung noch bevor sie sozusagen vollständig daran "gewöhnt" waren.

Erstaunlicherweise konnte die Ausbreitung der genetischen Anpassung laut den neuen Analysen nicht auf das Ausmaß des regionalen Milchkonsums über die Zeit hinweg zurückgeführt werden. Das widerspricht einer sehr gebräuchlichen Annahme dazu. Milchkonsum "hat die Selektion der Laktasepersistenz nicht vorangetrieben", schreiben die Forscher. Im Gegensatz dazu passt die Verbreitung der Anpassung besser mit Daten zusammen, die die Ernährungssituation der damaligen Bevölkerung und den Kontakt mit ursprünglich von Wildtieren stammenden Krankheitserregern widerspiegelten.

So dürften etwa während Hungersnöten oder Pandemien beispielsweise durch Laktose hervorgerufene Durchfälle schnell zu einem lebensbedrohlichen Problem geworden sein. Laktosetolerante Personen waren dann stärker im Vorteil als in Zeiten besserer Versorgung. Das passe auch zu dem Bild, dass die Verbreitung der Anpassung nicht kontinuierlich sondern offenbar sprunghaft erfolgte.

Aufgerufen am 02.10.2022 um 11:59 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/vor-allem-hunger-und-krankheiten-machten-europaeer-laktosevertraeglich-124878052

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