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Warum nicht Häuser von außen heizen

Unter Mitwirkung des Zentrums Alpines Bauen entsteht ein Modellprojekt, das für die Sanierung von Altbauten Vorbild sein könnte.

Wie saniert man alten sozialen Wohnbau, wenn ein Großteil der Wohnungen mit eigenen Öfen unterschiedlich mit Holz, Kohle oder Öl geheizt wird? Wenn die Bewohner im Schnitt 70 Jahre alt und zum Teil nicht bereit sind, vorübergehend auszuziehen? Und wenn zum Beispiel auch noch etwas gegen extrem hohen Verkehrslärm zu tun ist?

Konkret geht es um die Burgfriedsiedlung in Hallein, die an der Salzachtalstraße liegt und auf der mehr als 21.000 Kraftfahrzeuge täglich unterwegs sind. Gestellt hat sich der Herausforderung ein Team des Forschungs- und Transferzentrums Alpines Bauen, das in den vergangenen Jahren vom Land Salzburg und der EU als Know-how-Träger für ressourcenschonendes, nachhaltiges Bauen aufgebaut wurde und inhaltlich von der Fachhochschule mit dem Standort Kuchl sowie dem Research Studio iSPACE getragen wird.

Thomas Reiter, Leiter des Zentrums Alpines Bauen, spricht von "minimalinvasiven Eingriffen", mit denen man in der Burgfriedsiedlung versucht habe, ein Optimum zu erreichen. Auf jeden Fall kann er darauf verweisen, dass dieses Pilotprojekt bereits zu einem Best-Practice-Beispiel für alle Bundesländer Österreichs geworden ist.

Was wurde konkret gemacht? Es wurde zunächst an einem Gebäude versuchsweise die Heizung nicht zentral für alle Wohnungen im Haus eingebaut. Das hätte nämlich bedeutet, die Bewohner vorübergehend umsiedeln zu müssen. Stattdessen hat man sich in Zusammenarbeit mit dem Architekten Paul Schweizer dazu entschieden, die Häuser von außen zu beheizen, wie Markus Leeb, Forschungsleiter für Intelligente Energiesysteme im Zentrum Alpines Bauen, erzählt.

Im ersten Schritt testete man das dafür entwickelte Heizsystem auch nur an einer Wohnung, bevor man ans ganze Gebäude ging. Dabei wurden nach Angaben Leebs auf der Außenwand ähnlich wie bei einer Fußbodenheizung Heizschlangen verlegt. Darüber kommt eine innovative Dämmschicht, die mit Holz und Zellulosefasern aus heimischen biogenen Rohstoffen besteht. Der Zwischenraum mit den Heizschlangen wird mit Beton ausgegossen. Den Abschluss bilden an der Außenseite Platten mit einer schallabsorbierenden Oberfläche.

Die Vorteile dieses Systems sind für Markus Leeb zum einen die geringe Vorlauftemperatur von nur 35 Grad Celsius, die selbst bei minus 15 Grad Außentemperatur ausreicht, um eine konstante Raumtemperatur von 22 Grad zu halten. Zum anderen hätten die Bewohner davon berichtet, dass es eine Art Kachelofeneffekt gebe, weil die Wärme gleichmäßig von den Außenwänden abgestrahlt wird. Leeb: "Das System eignet sich hervorragend im Zusammenspiel mit Wärmepumpen. Wir haben uns im konkreten Projekt aber an die Fernwärme der Zellulosefabrik in Hallein angeschlossen." Kleiner Wermutstropfen: Für die Bäder sind zusätzliche Heizstrahler notwendig.

Am Demonstrationsobjekt in der Burgfriedsiedlung haben die Forscher auch viele Sensoren eingebaut, um dieses Heizsystem ausgiebig testen und weiterentwickeln zu können. Nach den bisherigen Erfahrungen kann, wie der Leiter des Forschungszentrums, Thomas Reiter, erklärt, das Heizen von außen, rein von den Baukosten, mit einer konventionellen Sanierung nicht mithalten. "Berücksichtigt man aber die Kosten für die vorübergehende Umsiedlung der Bewohner, die andernfalls notwendig wäre, sieht die Sache schon wieder anders aus."

Reiter betont in diesem Zusammenhang auch, dass es am Beispiel der Burgfriedsiedlung nicht nur darum geht, die Gemeinde und möglichst viele Firmen, wie die Tischlerei Fallast, in die Entwicklung mit einzubinden und das erworbene Know-how so schnell wie möglich an sie weiterzugeben. Die Burgfriedsiedlung diene insgesamt wegen der hohen Verkehrsbelastung und offenen Bebauungsstruktur als Modellprojekt für eine Modernisierung, weil es in ganz Salzburg viele Siedlungen mit vergleichbaren Rahmenbedingungen gebe.

Hier kommt auch Thomas Prinz vom Research Studio iSPACE verstärkt ins Spiel, weil er mit Computersimulationen durchexerziert, wie man zum Beispiel die Verbauungsdichte erhöhen und gleichzeitig die Lärmbelastung verringern könnte. Würde man mit Carports und anderen Maßnahmen in der Burgfriedsiedlung bestehende Lücken zwischen den Gebäuden füllen, wäre in den Innenbereichen die Lärmbelastung nur halb so hoch.

Gleichzeitig wird das Projekt sozialwissenschaftlich begleitet, um mit Interviews und Workshops sicherzustellen, dass die Bewohner der Burgfriedsiedlung die Maßnahmen auch akzeptieren.
www.alpinesbauen.at

Aufgerufen am 20.08.2019 um 05:11 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/warum-nicht-haeuser-von-aussen-heizen-63152821

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