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Was passiert in einem Bienenstock?

Forscher haben spektakuläre Fotos und Videos veröffentlicht. Ihre Langzeitstudien zeigen zudem, was Pflanzenschutzmittel anrichten.

Emsig produzieren die Bienen Honig in ihrem Stock. SN/robert ratzer
Emsig produzieren die Bienen Honig in ihrem Stock.

Das Zuhause von Honigbienen, der Bienenstock, ist ein kunstvolles Bauwerk. Es setzt sich großteils aus Wachswaben zusammen, die senkrecht von oben nach unten gebaut werden. Jede Wabe besteht aus vielen einzelnen aneinandergrenzenden Zellen. Das Wachs produzieren die Bienen selbst mithilfe einer Drüse am Hinterleib.

Nicht weniger spannend als das Haus sind dessen Bewohner und ihr soziales Leben. Forschern der Goethe-Universität in Frankfurt ist es gelungen, mit hochauflösenden Fotos und Videos das Verhalten von Honigbienen in den Zellen der Waben zu dokumentieren. Biologe Paul Siefert vom Institut für Bienenkunde berichtet über die Beobachtungsstudien: "Zu sehen ist auf den Aufnahmen, wie sich Honigbienen um ihre Brut kümmern, wie sie abgelegte Eier versorgen, aus gesammelten Pollen das sogenannte Bienenbrot herstellen oder tote Larven auffressen, um den Stock sauber zu halten. Wir wollen mit solchen Aufnahmen die Öffentlichkeit über die Bienen informieren. Bienen sind ein gutes Symbol für ökologisches Bewusstsein."

Viele Erkenntnisse über Bienen erhält man nur, wenn man in den Stock hineinsieht und gleichzeitig die Insekten nicht stört. Paul Siefert und sein Team haben für solche Untersuchungen Videotechnik weiterentwickelt und konnten so erstmals die komplette Entwicklung einer Honigbiene hochauflösend im Bienenstock aufzeichnen. "Dabei sollen die Bienen nicht gestört werden. Um die Bruttemperatur von 34,5 Grad aufrechtzuerhalten, haben wir mit Heizelementen die Umgebungstemperatur angepasst. Und wir haben ohne Weißlicht gearbeitet und stattdessen Rotlicht genommen, das außerhalb der Wahrnehmung der Bienen ist. Sie haben keine Rotlichtrezeptoren. Den Apparat mit der speziellen Wellenlänge haben wir selbst gebaut."

Die aufwendigen Beobachtungen haben nicht nur dieses Jahr, sondern auch 2020 wichtige Ergebnisse für die Forschung gebracht. Denn die Wissenschafter stellten fest, wie bestimmte Pflanzenschutzmittel - die bereits heftig umstrittenen Neonikotinoide - das Verhalten der Ammenbienen verändern: Sie fütterten an einigen Tagen der sechstägigen Larvenentwicklung weniger häufig und kürzer. Manche der so aufgezogenen Bienen benötigten bis zu zehn Stunden länger bis zum Verschluss der Zelle mit einem Wachsdeckel. Eine längere Entwicklungszeit im Stock kann etwa den Befall mit Bienenschädlingen wie der Varroamilbe begünstigen, denn die Milben legen ihre Eier in Brutzellen kurz vor der Verdeckelung ab. Wenn diese länger geschlossen sind, können sich die Milbennachkommen ungestört vermehren. "Wir haben eine geringe Dosis der Neonikotinoide genommen. Bienen können eine vergleichbare Menge abbekommen", sagt Paul Siefert. Es sei allerdings noch zu klären, ob die Verzögerung der Larvenentwicklung auch auf die Verhaltensstörung der brutpflegenden Bienen zurückzuführen sei oder ob sich die Larven durch veränderten Futtersaft langsamer entwickelten.

Der Brutbereich der Bienen wurde mit einer Kamera (grün) durch eine Dombeleuchtung (grau) hindurch gefilmt. Der speziell angefertigte Bienenstock (braun) war nur 3,5 cm breit damit die Bienen möglichst rasch in den äußeren Zellen Brut aufzogen. Für gewöhnlich ist der Brutbereich nämlich kugelförmig, dessen zweidimensionale Abbildung durch die Kamera kreisförmig erscheint (rechts).  SN/goethe-universität/paul siefert
Der Brutbereich der Bienen wurde mit einer Kamera (grün) durch eine Dombeleuchtung (grau) hindurch gefilmt. Der speziell angefertigte Bienenstock (braun) war nur 3,5 cm breit damit die Bienen möglichst rasch in den äußeren Zellen Brut aufzogen. Für gewöhnlich ist der Brutbereich nämlich kugelförmig, dessen zweidimensionale Abbildung durch die Kamera kreisförmig erscheint (rechts).

Bekannt ist, dass Neonikotinoide bereits in kleinen Mengen Insekten töten oder ihr Nervensystem schädigen. Bei Bienen können die überlebenswichtige Kommunikation, Lern- und Orientierungsfähigkeiten gestört sein. Pflanzen nehmen das Mittel in Wurzeln, Blättern und Blüten auf. Es findet sich im Pollen und Nektar wieder sowie im Wasser, das Pflanzen über Blätter abgeben. Die EU verbot 2018 die Anwendung von drei Arten von Neonikotinoiden im Freien. Ein vierter Stoff ist seit 2020 nicht mehr zugelassen. "Wir konnten erstmals zeigen, dass Neonikotinoide auch das Sozialverhalten der Bienen verändern", sagt Paul Siefert. Die Studien sind in "Plos One" und in "Scientific Reports" veröffentlicht.

Aufgerufen am 14.08.2022 um 10:33 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/was-passiert-in-einem-bienenstock-101523073

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