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Was wollen wir beim Kind alles bestimmen?

Erbkrankheiten werden immer früher und umfassender erkannt. Wie stark geraten Eltern unter Druck und wie können sie damit umgehen?

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Kommt schon bald das Wunschkind nach Maß?

In 20 bis 40 Jahren würden Paare in den Industrieländern aus einer genetischen Menükarte wählen können, bevor ihr Kind mit den gewünschten Merkmalen per In-vitro-Fertilisation gezeugt werde, sagt Genetiker Henry T. Greely, Stanford University, Kalifornien.

Der Gynäkologe

Thorsten Fischer, Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Salzburg, geht davon aus, "dass die kommenden technischen Möglichkeiten extrem weitreichend sind. Wir werden genetisch bedingte Erkrankungen theoretisch aus der befruchteten Eizelle bestimmen können."

Die Diagnostik wird also immer mehr genetisch bedingte Erkrankungen im frühesten Stadium feststellen können, und das wesentlich einfacher als bisher. "Dass man schwere Erbkrankheiten erkennt und entsprechend selektiert, ist vernünftig", sagt Fischer. "Es macht keinen Sinn, einen kranken Embryo (Blastozyste) zu implantieren und 14 Wochen später nach der Chromosomuntersuchung eine Abtreibung durchzuführen." Die frühe Diagnose erspare Mutter und Embryo den Schwangerschaftsabbruch.

Der Salzburger Klinikvorstand argumentiert damit, dass es bei jeder künstlichen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation) überzählige befruchtete Eizellen gebe. "Daher ist es ethisch vertretbar, einen Embryo auszuwählen, der keine Erbkrankheit hat, und denjenigen auszuscheiden, bei dem eine solche diagnostiziert wurde." Fischer befürchtet allerdings, "dass wir unsere diagnostischen Möglichkeiten auf Krankheiten erweitern, die sich erst im späteren Leben entwickeln". Es wäre bereits jetzt möglich, bei Embryonen eine Mutation zu erkennen, durch die später mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Brust- oder Eierstockkrebs auftritt. "Je mehr man das weiterentwickelt, desto mehr wird das Bedürfnis nach einer solchen Diagnostik angeregt und desto öfter werden sich ethische Grenzfragen ergeben."

Derzeit ist die Gesetzeslage in Österreich restriktiv. Es ist z. B. nicht erlaubt, das Geschlecht des Embryos festzustellen und wunschgemäß zu selektieren. "Aber es braucht eine intensive medizinische, ethische, moralische und theologische Diskussion darüber, was wir zulassen wollen", sagt Fischer und denkt die Entwicklung weiter: "Soll man einen Embryo aussondern, weil er laut Diagnose mit hoher Wahrscheinlichkeit mit 60 Alzheimer bekommt?"

Die Bioethikerin

Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, hält das österreichische Fortpflanzungsmedizingesetz bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) für zu restriktiv. "Damit ein Embryo untersucht werden kann, muss beispielsweise ein Verdacht auf eine Erbkrankheit vorliegen, deren Symptome sich sofort nach der Geburt zeigen und die mit schwersten und kausal nicht therapierbaren Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Schmerzen verbunden sind. Dagegen darf ein Embryo mit Chorea Huntington, einer unheilbaren Erbkrankheit des Gehirns, nicht ausgesondert werden, weil die Krankheit erst später auftritt. Ich halte es für sehr hart, dass ein Kind mit einer solchen Diagnose heranwachsen muss."

Druml betont, dass es ein Unterschied sei, ob eine Erkrankung erst im späteren Leben auftrete und behandelt werden könne, wie Brustkrebs, oder ob es sich um eine Erbkrankheit handle, die nicht behandelt werden könne und in schrecklicher Weise zum Tode führe.

Dass man im Zuge einer In-vitro-Fertilisation nicht nur Erbkrankheiten ausschließen, sondern ein Wunschkind definieren könnte, wird nach Ansicht von Druml "noch sehr lange ein Wunsch bleiben". Die Juristin und Bioethikerin verweist auf die mendelschen Vererbungsregeln und meint: "Auch wenn beide Eltern hochintelligent sind, können ihre Kinder völlig andere Eigenschaften aufweisen."


Die Therapeutin

Für die Kinderärztin und Psychotherapeutin Katharina Kruppa ist die Frage, "was es mit Eltern und Kindern macht, wenn man - vermeintlich - eine Wahl hat, welche Art von Kind man bekommt". Kruppa erzählt das Beispiel einer Frau, die sich bis zur 20. Schwangerschaftswoche nicht getraut habe, mit ihrem Kind Kontakt aufzunehmen. Ihre Begründung: "Es hätte bei der Pränataldiagnostik eine schwere Schädigung diagnostiziert werden können und dann hätte ich das Kind abtreiben müssen. Daher wollte ich mich nicht daran binden."

Die Akzeptanz einer Behinderung sei individuell und gesellschaftlich deutlich geringer und der Druck auf Eltern größer geworden, sagt Kruppa. "Wenn Eltern ein behindertes Kind haben, werden sie offen oder versteckt mit der Frage konfrontiert, ob denn das nötig gewesen sei. Es ist beinahe eine gesellschaftliche Verpflichtung, eine Behinderung frühzeitig festzustellen und das Kind bei entsprechender Diagnose abtreiben zu lassen."

Die Kinderärztin will den Blick darauf lenken, "was Eltern in dieser grauenhaften Situation brauchen, wenn sie vor der Entscheidung stehen, will ich ein behindertes Kind oder nicht - und das auch noch unter einem enormen Zeitdruck". Kruppa plädiert dafür, dass eine gute Beratung fast verpflichtend, aber zumindest standardmäßig kostenlos sein soll. Vorbildlich sei ein Modell in Deutschland: Dort müssen sich Eltern nach der Diagnose einer Behinderung mit einem Kinderarzt beraten, der Kinder mit einer solchen Behinderung behandelt.

Podiumsdiskussion: Designerbaby exklusiv

Podiumsdiskussion am Freitag, 11. Mai, 19.30 Uhr, mit zum Thema "Designerbaby exklusiv" mit:
Giovanni Maio, Mediziner und Bioethiker, Universität Freiburg;
Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission, Wien;
Katharina Kruppa, Kinderärtzin und Psychotherapeutin, Wien.

Im Orchesterhaus Mozarteum, Erzbischof-Gebhard-Strasse 10, Salzburg. Im Rahmen der 1. "Early Life Care"-Konferenz Salzburg "Familien unter Hoch-Stress", 10.-12. Mai, St. Virgil. Info: www.earlylifecare.at, Anmeldung: Tel. 0662/
659 01-514 oder anmeldung@virgil.at

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