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Wenn die Schule mühsam ist

Vier bis acht Prozent der Kinder und Jugendlichen haben Schwierigkeiten beim Lesen, aber auch beim Schreiben oder Rechnen. Gezielte Hilfestellungen sind möglich und notwendig.

Legasthenie und Dyskalkulie sind weit verbreitete Lernschwächen, die man nicht ignorieren sollte SN/contrastwerkstatt - stock.adobe.com
Legasthenie und Dyskalkulie sind weit verbreitete Lernschwächen, die man nicht ignorieren sollte

Trotz durchschnittlicher Intelligenz ist der zehnjährige Stefan den Anforderungen der vierten Klasse Grundschule vor allem im Fach Deutsch nicht gewachsen: Sowohl die Lesegeschwindigkeit als auch die Anzahl der Rechtschreibfehler sind seit Beginn des Schriftspracherwerbs auffällig. Während er seine orthografischen Defizite durch viel Ausdauer und Fleiß bei Ansagen noch teilweise kompensieren kann, steht inzwischen unter jedem Aufsatz und unter jeder Deutschschularbeit die gut gemeinte Empfehlung "Arbeite an deiner Rechtschreibung!".

Die Eltern wünschen sich, dass sich der Bub mehr anstrengt und von nun an mehr liest. Die täglichen negativen Eltern-Kind-Interaktionen und der ausbleibende Schulerfolg führen inzwischen bei Stefan zu überwiegend resignativem, passivem Verhalten und starken Selbstzweifeln. Die Schule besucht er nur noch mit größtem Widerwillen. In weiterer Folge gehen die schulbezogenen Ängste immer häufiger mit Schmerzzuständen im Magen-Darm-Bereich einher, sodass der Bub regelmäßig zu Hause bleiben muss. Die Lehrerin schlägt Alarm. Sie bittet die Eltern zum Gespräch, äußert ihre Vermutung, es könnte sich bei Stefan um eine Legasthenie handeln, und empfiehlt eine professionelle Abklärung.

So wie Stefan (Name frei erfunden) geht es vielen Kindern und Jugendlichen mit einer Lernstörung. "Lesen, Schreiben und Rechnen lernen? Das ist doch gar nicht so schwierig!", heißt es. Auf eine solche Erfahrung können wohl die meisten Menschen zurückgreifen. Daher ist es für viele unvorstellbar, dass das Erlernen dieser Basiskompetenzen für vier bis acht Prozent der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen ein Schloss mit sieben Siegeln ist und viel Mühe bedeutet.

Unwissende glauben, dass Menschen, die von einer Lernstörung betroffen sind, unintelligent und faul sind. Doch das ist ein Vorurteil. Sie verfügen vielmehr über gute intellektuelle Fähigkeiten.

Trotz der vorgenannten Voraussetzungen haben Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibstörung - auch Legasthenie oder Dyslexie genannt - große Schwierigkeiten, Buchstaben-Laut-Zuordnungen sicher abzuspeichern. Sie haben Probleme damit, Wörter in Silben zu zerlegen und Silben zu einem Wort zusammenzufügen, Anlaute zu erkennen, aus Lauten ein Wort zu bilden und Wörter in Laute zu zerlegen. Selbst häufig vorkommende Wörter müssen immer wieder neu erlesen werden. Die Lesegeschwindigkeit ist sehr gering, meist passieren viele Fehler. Beim Schreiben werden Buchstaben vergessen, Rechtschreibregeln nicht erfasst und ein und dasselbe Wort wird unterschiedlich verschriftlicht.

Neben der Legasthenie ist auch die Rechenstörung (Dyskalkulie) eine weitverbreitete Lernstörung. Kindern, die davon betroffen sind, fällt es etwa schwer, kleinere Mengen auf einen Blick zu erfassen. Sie können am Ende des ersten Schuljahres die Ergebnisse der Rechnungen im Zahlenraum zehn nicht automatisch abrufen und müssen insgesamt wesentlich länger als ihre Schulkameraden auf das Zählen mit Fingern zurückgreifen.

Speziell das Subtrahieren sowie Platzhalteraufgaben bereiten große Probleme. In weiterer Folge zeigen sich Schwierigkeiten beim Verstehen des Stellenwertsystems, bei der Zehner- und Hunderterüberschreitung, im Erfassen von Textaufgaben, beim Einprägen der Malreihen und beim Umgang mit Größen wie Geld, Zeit, Längen und Gewichten.

Die Auswirkungen, die durch eine untherapierte Lernstörung möglicherweise entstehen, können für die Betroffenen sehr belastend sein. Am eingangs geschilderten Fall kann man sehen, welche Sekundärphänomene wie Schulangst, psychosomatische Beschwerden, Verweigerungsverhalten bis hin zu depressiven Symptomen dies zur Folge haben kann und den betroffenen Kindern und Jugendlichen das Leben erschweren.

Sollte sich eine Lernstörung abzeichnen, ist es daher empfehlenswert, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Eine Therapie, die auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist, setzt umfassende Tests voraus. Auf dieser Grundlage kann ein Therapieplan abgeleitet werden. Die Dauer der Behandlung hängt von der Schwere der Symptomatik ab. Die Therapie einer Lernstörung erfordert ein symptomorientiertes Arbeiten, bei dem das Kind dort abgeholt wird, wo es steht, um ihm Kompensationsstrategien beizubringen. Dadurch ist es möglich, den Teufelskreislauf aus Schulversagen, Selbstzweifel, belasteten Eltern-Kind-Beziehungen und möglicherweise psychosomatischen Begleitsymptomen zu unterbrechen.


Info: Der Berufsverband Akademischer Legasthenie-Dyskalkulie-TherapeutInnen (BALDT) sieht sich als kompetenter Ansprechpartner für Betroffene, Eltern sowie für Berufsgruppen, die mit der Problematik konfrontiert sind. Auf der Website
www.lrs-therapeuten.org sind qualifizierte Therapeutinnen und Therapeuten zu finden. ☎ ☎ ☎ 0043 (0) 680 3060831, office@lrs-therapeuten.org

Quelle: SN

Aufgerufen am 21.08.2019 um 04:55 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/wenn-die-schule-muehsam-ist-73721770

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