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Wie belastbar sind die Intensivstationen?

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass Österreichs Spitäler grundsätzlich gut aufgestellt, aber die Reserven nicht riesig sind. Führende Mediziner haben in diesem Zusammenhang aber noch eine andere große Sorge.

 SN/afp

Die steigende Zahl der mit dem neuen Coronavirus infizierten Menschen ist das eine Problem. Noch drängender ist aber derzeit der Blick auf die Frage: Wie stark nimmt die Zahl jener Patienten zu, die auf einer Intensivstation betreut und beatmet werden müssen? Drohen bald italienische und spanische Verhältnisse?

Regierungs- und Oppositionspolitiker warnten am Montag davor, dass man in Österreich mit den Ressourcen bis Mitte April am Ende sein könnte, wenn man die derzeitige Entwicklung nicht weiter bremsen könne. Gleichzeitig warnen Mediziner im Gegensatz aber auch davor, den Eindruck zu erwecken, dass die Krankenhäuser schon überlastet seien. Immer mehr Patienten hätten eine Scheu, rechtzeitig ins Spital zu gehen.

Zu den konkreten Zahlen, die das Gesundheitsministerium am Montag veröffentlichte: Von den Intensivbetten ist in den Spitälern noch die Hälfte für Coronapatienten frei (1071 von 2159). Die Spannweite reicht von 20 Prozent freien Kapazitäten im Burgenland bis zu mehr als 60 Prozent in Salzburg. Am Montag befanden sich knapp 200 Coronapatienten auf Intensivstationen. Der Puffer ist also nicht sehr groß.

Noch angespannter ist im österreichweiten Schnitt die Zahl verfügbarer Beatmungsgeräte: Demnach stehen von insgesamt 2584 Geräten noch 908 zur Verfügung. Die restlichen Geräte sind für Patienten mit anderen schweren Erkrankungen im Einsatz. Auch hier gibt es starke regionale Unterschiede: Sind in Niederösterreich nur 50 von 550 Geräten frei, hat Tirol noch 126 von 215 Beatmungsgeräten. Salzburg gehört auch hier zu den Ländern, die noch viel Puffer haben (82 Prozent). In absoluten Zahlen heißt das nach Angaben von Richard Greil, dem Leiter des Coronamanagements am Uniklinikum: In Salzburg hat man 265 Respiratoren aufgetrieben bei knapp mehr als 100 Intensivbetten für Coronapatienten. Entscheidend sei nicht die Zahl der Intensivbetten, sondern jene der Beatmungsgeräte, betont Greil.

Um den Ernst der Lage zu betonen, verweisen die Mediziner mit Nachdruck darauf, dass die Respiratoren sehr aufwendig zu handhaben seien. Das heißt, dass auch genügend personelle Ressourcen zur Verfügung stehen müssen.

Stefan Thurner, Physiker und Komplexitätsforscher, der mit einer Reihe anderer Wissenschafter derzeit die Regierung mit Modellberechnungen berät, betont daher im SN-Gespräch: Die künftige Herausforderung liege auch darin, logistisch über die Ländergrenzen hinweg Patienten zu verteilen. Also von Regionen mit ausgelasteten oder überlasteten Spitälern hin zu jenen, die noch Betten und Beatmungsgeräte frei haben.

Das unterstreicht auch Rudolf Likar vom Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, wenn er sagt, dass jedes Land dafür unbedingt einen zentralen Koordinator benötige. Likar ist in diesem Zusammenhang aber auch enorm wichtig: "Wir müssen den ernsthaft kranken Menschen, auch den Nichtcoronapatienten, sagen: Kommt und traut euch in Spitalsbehandlung. Wir können euch weiter gut behandeln und pflegen. Wir sehen, dass immer mehr Menschen zu spät kommen."

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