Wissen

"Wir sind nicht Herren der Evolution"

Kann die Wissenschaft die Probleme auch lösen, die sie neu schafft? Über neue Verheißungen und die Forderung nach Zeiten des Innehaltens.

Holzstich nach einer Zeichnung von Ferdinand Bardt zur Ballade „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe.  SN/www.picturedesk.com
Holzstich nach einer Zeichnung von Ferdinand Bardt zur Ballade „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Die SN sprachen mit Sozialethiker Dietmar Mieth über die Abhängigkeit der Wissenschaft von ihrer Finanzierung und die Mitwirkung des Menschen an der Evolution.

SN: Die Kirche steht seit Galilei unter dem Verdacht der Fortschrittsfeindlichkeit. Warum mahnen Sie in der Wissenschaft ein Vorsichtsprinzip ein?
Mieth: Ich denke, dass die Kirche aus dem Fall Galilei viel gelernt hat. Ich möchte an die Wissenschaft ein sogenanntes Transparenzgebot richten. Sie sollte ihre Erkenntnisse erstens so vermitteln, dass die Gesellschaft genau weiß, worum es sich handelt, und dabei zweitens Worte gebrauchen, die der Realität entsprechen und in denen sich nicht eine Erfüllung abzeichnet, die möglicher Weise nie eintritt. Das heißt zum Beispiel, dass man nicht von Therapien spricht, sondern von Therapieversuchen.
SN: Ist die Wissenschaft nicht gezwungen, Erfolge in Aussicht zu stellen, schon allein wegen der Finanzierung der Forschung?
Wissenschaft arbeitet tatsächlich immer mit Möglichkeiten, die sie wahrscheinlich zu machen versucht, weil sie sonst kein Geld bekommt. Denn trotz Forschungsfreiheit entscheidet die Politik bei der Förderung oft in Richtung Nützlichkeit. Die sogenannte Forschungsfreiheit hört auf, wenn zum Beispiel ein wissenschaftlicher Angestellter Karriere machen will. Der hat dann keine Forschungsfreiheit mehr, sondern er muss sich dorthin wenden, wo man Karriere machen kann - und das ist vorentschieden.

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