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Zittern um das Medizinstudium

8360 Kandidaten, darunter eine SN-Redakteurin, haben am Freitag am neu gestalteten Aufnahmetest in Wien, Graz und Innsbruck teilgenommen.

Zittern um das Medizinstudium SN/GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com
4515 Bewerber rittern allein um die 740 Medizinstudienplätze in Wien.


Halle A, Sektion 6, Sitzplatz 1318, Bearbeitungsnummer 1312673 - wer Medizinstudent werden will, muss einen Tag zur Nummer werden. Das hat sich mit dem neuen Medizinertest nicht geändert, der am Freitag zum ersten Mal an allen drei Medizinuniversitäten in Wien, Innsbruck und Graz in der gleichen Form abgehalten wurde.

Auch die Flughafenatmosphäre ist die gleiche geblieben wie beim alten Eignungstest Medizinstudium (EMS), der die letzten sechs Jahre darüber entschieden hat, wer sich zum Human- oder Zahnmediziner ausbilden lassen darf. Es gibt wieder Sicherheitsschleusen, Einweiser mit weißen T-Shirts mit dem Aufdruck "MedUni Wien" und diesmal werden in der Garderobe sogar extra durchsichtige Säckchen für Schreibzeug und Verpflegung verteilt. Nur eine 100-Milliliter-Beschränkung für Flüssigkeiten wie am Flughafen gibt es in der Messe Wien nicht. Ohne die mitgebrachte große Wasserflasche und die zwei Päckchen Traubenzucker, die die Med-Uni jedem der 4515 Testteilnehmer bereitgestellt hat, überstünde man den achtstündigen Test wohl auch nicht.

Um halb zehn Uhr vormittags geht es los mit Instruktionen: Taschenrechner, Handys, ja nicht einmal Lineale sind erlaubt. Für jede richtige Antwort gibt es einen Punkt. Wer einen der begehrten 740 Medizinstudienplätze in Wien bekommt, soll bis Ende August bekannt gegeben werden. 75 Prozent der Plätze sind wegen der Quotenregelung für österreichische Maturanten, 20 Prozent für Deutsche (oder andere EU-Bürger) und fünf Prozent für Drittstaaten reserviert.

Zehn Minuten später werden die ersten Aufgaben verteilt. Es geht um das Erkennen von Figuren. Hier wird deutlich, dass es sich um einen neuen Test handelt. Beim EMS-Test wurde das räumliche Vorstellungsvermögen noch mit komplizierten Schlauchfiguren getestet, jetzt sind es zerlegte Vielecke und Kreise, die man richtig zusammensetzen muss. Das fällt leichter und soll wohl speziell den Testteilnehmerinnen entgegenkommen. Frauen hatten in der Vergangenheit beim EMS-Test stets signifikant schlechter als Männer abgeschnitten. Weshalb sich die Wiener Medizin-Uni im Vorjahr entschloss, Frauen durch eine "geschlechtergerechte Testauswertung" zu bevorzugen.

Die damit verbundene Aufregung war der Grund, weshalb alle drei öffentlichen Medizin-Unis gemeinsam ein neues Testverfahren entwickelten. Es legt mehr Wert auf naturwissenschaftliches und medizinisches Wissen und weniger auf kognitive Fähigkeiten. Auch der Zeitfaktor spielt beim neuen Test keine große Rolle mehr, weil die Dauer jedes Testteils genau vorgegeben ist. Deshalb heißt es beim Figurenerkennen nach genau 30 Minuten: "Stopp, legen Sie die Stifte weg!"

Um 10.15 Uhr startet die Gedächtnisaufgabe. Eh klar, Ärzte müssen sich Namen, Blutgruppe und Unverträglichkeiten ihrer Patienten merken können. Binnen acht Minuten soll man sich acht verschiedene Allergiepässe einprägen, samt Foto, Namen, Geburtsdaten der Betroffenen, Ausweisnummer und Ausstellungsort. Klingt leicht, ist es aber wegen einer Zwischenaufgabe nicht: Zahlenreihen fortsetzen. Erst danach geht es ans Ankreuzen, wer von den Genannten auf Hausstaubmilben oder Äpfel allergisch ist oder am 16. März Geburtstag hat. - Keine Ahnung.

Der letzte Test an diesem Vormittag erinnert an den Mathematikunterricht in der Schule. Es sind Textaufgaben, die in etwa lauten: "Der Rettungswagen fährt 80 Kilometer pro Stunde. Für die Strecke von A nach B braucht er zwei Stunden. Der Notarztwagen fährt um 40 km/h schneller. Wie viel Minuten kann er später losfahren, um zugleich am Ziel zu sein?" - Brrr. Erschöpfung und Kälte machen sich breit. Man hätte sich doch einen zusätzlichen Pullover einpacken sollen.

Dabei war das erst der erste Streich und der zweite folgt sogleich - ein Physik-, Chemie- und Biologietest sowie eine Textverständnisübung am Nachmittag. Einen der begehrten Medizinstudienplätze in Wien bekommen nur die 740 Besten. Sitzplatz 1318 in Sektion 6 in Halle A mit der Bearbeitungsnummer 1312673 ist sicher nicht darunter.

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