Angela Merkel setzt sich als Krisenkanzlerin in Szene

Gut geschlagen hat sich Martin Schulz im Fernsehduell mit Angela Merkel. Aber geschlagen hat der SPD-Herausforderer die amtierende Bundeskanzlerin dabei nicht.

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Standpunkt Helmut L. Müller
Angela Merkel und Martin Schulz. SN/AP
Angela Merkel und Martin Schulz.

Die Trendwende, die sich Schulz von der Auseinandersetzung am Sonntagabend erhofft hat, ist ihm drei Wochen vor der Bundestagswahl am 24. September nicht gelungen.

Eine Mehrheit der zuschauenden Deutschen fand offenkundig Merkel besser. Der Kanzlerbonus zählt eben viel in kritischen Zeiten.

Kämpferisch, emotional ist Martin Schulz schon aufgetreten; er wirkte auf diese Weise bürgernah. So rang er Merkel vor millionenfachem TV-Publikum die Zusage ab, dass es keine Erhöhung des Pensionsantrittsalters auf 70 Jahre geben solle.

Aber Merkel konnte sich beim Thema Außenpolitik als Krisenkanzlerin in Szene setzen, die etwa im brisanten Korea-Konflikt mit den Mächtigen der Welt telefoniert, um eine diplomatische Lösung zu erreichen.

Schwierig ist die Ausgangslage für Schulz gewesen, der einen großen Rückstand in den Wählerumfragen aufzuholen hat.

Heftig musste sich der sozialdemokratische Kanzlerkandidat vom früheren SPD-Kanzler Gerhard Schröder distanzieren, der einen weiteren Vorstandsposten bei einem russischen Staatsunternehmen übernehmen will.

Der Herausforderer musste damit zurechtkommen, dass er seit Monaten von Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) überstrahlt wird, der durchaus auch eigene und mit dem Kanzlerkandidaten nicht abgestimmte Positionen vertritt.

Vor allem aber nützte es Angela Merkel im TV-Duell cool und geschickt aus, dass die SPD als Juniorpartnerin in der Großen Koalition in alle wesentlichen politischen Entscheidungen in den vergangenen vier Jahren, etwa in der Flüchtlingsfrage, eingebunden gewesen ist.

Solcherart fiel es Martin Schulz schwer, sich von Merkel klar abzugrenzen. Immerhin dürfte es dem Herausforderer gelungen sein, die Anhänger der SPD vor der Wahl zu motivieren und zu mobilisieren.

Dass er auch als Zweitplatzierter in eine weitere Große Koalition eintreten und auch nach einer Niederlage am SPD-Vorsitz festhalten will, zeigt freilich, wie gering der Glaube an einen politischen Wechsel in den Reihen der Sozialdemokraten tatsächlich ist.

Für Kanzlerin Merkel wurde es zum Vorteil, dass die internationale Politik samt der für viele Bürger zentralen Zuwanderungsfrage einen großen Teil des TV-Duells bestimmte.

Für die Innenpolitik, bei der Schulz mit dem Thema soziale Gerechtigkeit punkten wollte, blieb anschließend zu wenig Zeit.

So konnten die Wahlstrategen der CDU/CSU am Schluss mit Genugtuung verbuchen, dass sie mit ihrem pfiffigen Slogan "Möge die Bessere gewinnen" ins Schwarze getroffen hatten.

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