Bitte etwas mehr Gelassenheit

Stress kann krank machen. Allerdings nicht nur den Einzelnen, sondern auch die gesamte Gesellschaft.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Alfred Pfeiffenberger

Stress und permanente Aufregung machen krank. Wer andauernd überlastet ist, für den steigt die Gefahr, an Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen zu erkranken, Durchfall, Sodbrennen und Übelkeit zu bekommen. Jeder halbwegs vernünftige Mensch wird, wenn es ihm der Arzt rät, in so einem Fall einen Gang zurückschalten und versuchen, es etwas ruhiger anzugehen.

Nicht nur einzelne Personen, auch die Politik und mit ihr die gesamte Gesellschaft scheinen zunehmend unter Stress und Überforderung zu leiden. Der österreichische Präsidentschaftswahlkampf ist dafür ein gutes Beispiel. Auf der einen Seite die Freiheitlichen, die Österreich als Land darstellen, in dem "die Elite, das Establishment", nichts Besseres zu tun hat, als sich auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger an der Macht zu halten und sich ihre Pfründen zu sichern.

Auf der anderen Seite viele Linke und Liberale, die Menschen, die die FPÖ unterstützen, als verkappte Nazis diffamieren, welche nur darauf warten, in Braunhemden durch die Straßen zu marschieren. Weil dieser Unfug ständig inbrünstig wiederholt wird, wird aus einer Bundespräsidentenwahl plötzlich ein weltweites Ereignis, das die Zukunft des Planeten Erde maßgeblich beeinflussen kann.

Dieses Phänomen ist nicht nur in Österreich zu beobachten. Inzwischen hat schon jede Wahl oder jede Abstimmung offenkundig das Potenzial, die Welt in den Abgrund zu stürzen. Wenn die Italiener über eine neue Verfassung abstimmen, wird das zur Schicksalsfrage für den Euro hochstilisiert. Wenn in einem deutschen Bundesland die rechte AfD zehn bis zwanzig Prozent der Stimmen erhält, wird das Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels ausgerufen. Wenn die EU versucht, den Flüchtlingsstrom unter Kontrolle zu bringen, wird das Ende von Toleranz und Humanismus beschworen.

Einen Gang zurückschalten, wie es Mediziner gestressten Patienten raten, wäre in der politischen Diskussion ebenso angesagt. Denn auch Gesellschaften können "krank" werden. Die zunehmende Radikalisierung der Bürgerinnen und Bürger ist dafür ein Anzeichen. Der viel zitierte "Riss, der durch Österreich geht", ein anderes. Die Medizin, die Heilung bringen kann, sind Vernunft, Rationalität und die Bereitschaft, die Sorgen und Ängste des anderen ernst zu nehmen und vor allem eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen. Oder wie es der Volksmund formuliert: "Wer schreit, hat keine Argumente mehr."

Aufgerufen am 22.09.2018 um 03:51 auf https://www.sn.at/politik/bitte-etwas-mehr-gelassenheit-822184

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