Clinton erntet den Applaus der Einverstandenen

Hillary Clinton führt Donald Trump in der ersten TV-Debatte vor. Kann sie damit bei unentschlossenen Wählern punkten?

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Politik | Innen- & Außenpolitk Thomas Spang

Donald Trump hat seine beste Chance vertan, sich als plausibler Kandidat für das mächtigste Amt der Welt zu empfehlen. Während der ersten Präsidentschaftsdebatte an der Hofstra-Universität nahe New York bekräftigte er den schlechten Eindruck, den viele US-Amerikaner schon vor der Debatte von ihm hatten.

Vor dem größten Publikum einer TV-Debatte in der Geschichte benahm sich Trump nicht wie ein künftiger Präsident, sondern wie ein ungezogener Schüler. Unbeherrscht redete er dazwischen, verzog das Gesicht und ließ durchblicken, dass er jede Vorbereitung absichtlich vermieden hatte.

Je weiter die Debatte fortschritt, desto undisziplinierter wirkte der Kandidat. Seine Antworten verloren sich in dem wirren Gefasel unkontrollierter Wortströme, deren Höhepunkt das düstere Sinnieren über "etwas" war, das er aus Rücksicht lieber nicht aussprechen wollte. Hillary Clinton gelang, woran die republikanische Konkurrenz bei den Debatten während der Vorwahlen scheiterte. Sie dechiffrierte den Rechtspopulisten und führte ihn vor einem dreistelligen Millionenpublikum nach allen Regeln der Kunst vor. Dank intensiver Vorbereitung verstand sie, die richtigen Knöpfe zu drücken, Trump als unbeherrschten Charakter zu entlarven. Trump, der Narzisst, schaffte es hingegen nicht, Dinge stehen oder an sich abperlen zu lassen. Clintons Angriffe gingen ihm sichtbar unter die Haut. Unruhig griff er in immer kürzer werdenden Abständen nach dem Wasserglas. Mit seinem ständigen Schniefen signalisierte er, wie sehr ihn seine Gegnerin aus der Fassung brachte. Gewiss verpasste auch Clinton ein paar Gelegenheiten, Steilvorlagen anzunehmen, die Trump ihr geliefert hatte. Etwa als er mit Blick auf seine Steuerehrlichkeit suggerierte, dass es von seiner Klugheit zeuge, den Fiskus leer ausgehen zu lassen. Aber darum ging es der Demokratin an diesem Abend nicht. Sie musste vermeiden, von Trump etwa in der E-Mail-Affäre in Widersprüche verwickelt zu werden. Trump fand sich in diesem TV-Duell so sehr in der Defensive, dass er nicht einmal die Worte "Vertrauen" oder "Glaubwürdigkeit" aussprach.

Unbestritten steht es nach der ersten von insgesamt drei Debatten 1:0 für Clinton. Doch die Wahl entschieden hat sie damit nicht. Donald Trumps Erfolg bestand bisher darin, der personifizierte Mittelfinger der Wutbürger zu sein. Diesem Image hat
er bei der Präsidentschaftsdebatte an der Hofstra-Universität voll entsprochen.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 03:07 auf https://www.sn.at/politik/clinton-erntet-den-applaus-der-einverstandenen-1025272

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