Darf Gesundheit Thema in einem Wahlkampf sein?

Die Krankenakten von Politikern werden in der politischen Auseinandersetzung missbraucht.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Viktor Hermann

Gesundheit ist Privatsache. Ebenso wie Krankheit. Es geht niemanden etwas an, ob der Nachbar Lungenkrebs hat oder am Stock geht, es geht niemanden etwas an, ob die eine Kandidatin gerade an einer Lungenentzündung laboriert oder der andere Kandidat übergewichtig ist. Der Zustand des eigenen Körpers ist ebenso schützenswerte Privatsache wie die Hautfarbe, die Religion, das Sexualleben oder die politische Einstellung eines Menschen.

Hautfarbe, Religion und Sex sind mittlerweile in unseren fortgeschrittenen Gesellschaften außer Streit gestellt. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass diese Lebensbereiche kein Anlass sein dürfen und können, jemanden zu kritisieren oder zu benachteiligen. Die Politik ist Anlass zum Disput, zur Diskussion, ja zum Streit - und das ist gut so, denn Demokratie lebt von der Auseinandersetzung der Ideen. Man möchte sich nur manchmal mehr Diskurs zwischen Ideen wünschen und weniger persönliche Diffamierungen.

Gerade die Politik hat aber in diesen Wochen den Bereich der Gesundheit zum Thema gemacht, obwohl dieser als Privatsache zu behandeln wäre. Der republikanische Kandidat im Rennen ums Weiße Haus, Donald Trump, benutzte einen Schwächeanfall seiner Gegnerin Hillary Clinton, um ihr gleich die Befähigung als Präsidentin abzusprechen. Mehr oder weniger gesteuerte Postings in sozialen Netzwerken unkten, der grüne Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen leide an Lungenkrebs und noch einigen anderen gesundheitlichen Problemen. Norbert Hofer hat man vorgeworfen, dass er sich in einer kritischen Situation nach einem Unfall nach den Möglichkeiten einer Berufsunfähigkeitspension und eines Pflegegeldes erkundigt hat.

Seither flattern uns medizinische Gutachten um die Ohren, mit denen die verschiedenen Kandidaten belegen müssen oder sollen, dass sie durchaus bei guter Gesundheit und in der Lage seien, die angestrebten Ämter zu besetzen.

Und die Öffentlichkeit scheint sich mit großem Interesse auf diese Befunde zu stürzen. Damit sind Gesundheitsbefunde und Krankenakte von Politikern zum Wahlkampfmittel geworden. Und was Österreich betrifft, ist das ausgerechnet in einem Land geschehen, in dem sich eine Mehrheit der Bevölkerung mit Händen und Füßen gegen die elektronische Krankenakte wehrt, weil diese ja potenziell Einblick in den Zustand eines normalen Bürgers gestattet.

Aber in den Arztbriefen von Politikern möchte man mit dem größten Vergnügen wühlen?

Dabei vergisst man nur zu oft, dass sich zwei Forderungen an die Menschen, die in der Politik tätig sind, grundlegend widersprechen: Sie sollen möglichst viel Erfahrung mitbringen, auf dass sie nur ja keine Fehler machen, und sie sollen pumperlg'sund sein. Die Erfahrung gibt es nur mit einem gewissen Alter, und wir alle wissen, dass mit fortschreitendem Alter die Chance besteht, von irgendeiner Krankheit geplagt zu sein.

Es gibt eine Reihe von Beispielen, dass auch Krankheiten Politiker nicht an ihrer Arbeit gehindert haben: Bruno Kreisky, John F. Kennedy, Franklin D. Roosevelt und Helmut Kohl sind nur einige dieser Exempel. Die meisten Politiker in der ersten Reihe gehen auch ganz offen mit Krankheiten um - und die Öffentlichkeit honoriert das durch Mitgefühl und Sympathiebekundungen. Umso seltsamer erscheint es, wenn dann in einer Wahlauseinandersetzung plötzlich die Unterstellung schwerer Krankheit als Waffe eingesetzt wird.

Da wäre schon eher die Frage nach den intellektuellen Fähigkeiten und der sozialen Kompetenz von politischen Funktionsträgern und Kandidaten berechtigt. Aber das lässt sich nur schwer im Voraus diagnostizieren. Diese Qualitäten oder ihr Fehlen stellen sich erst nach einigen Jahren Amtszeit zuverlässig heraus.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 05:47 auf https://www.sn.at/politik/darf-gesundheit-thema-in-einem-wahlkampf-sein-1055875

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