Politik

"Das ist der falsche Weg"

Es gehe darum, Beruf und Familie vereinbar zu machen und nicht das Einfrieren von Eizellen zu zahlen, sagt die Familienministerin.

"Das ist der falsche Weg" SN/robert ratzer
Familienministerin Sophie Karmasin sagt, dass Beruf und Familie immer noch schwer zu vereinbaren seien.


Familie und Karriere dürfen kein Widerspruch sein, meint Familienministerin Sophie Karmasin.

SN: In den USA finanzieren Firmen Frauen das Einfrieren ihrer Eizellen, damit sie zuerst Karriere machen und dann noch Kinder bekommen können. Ist für Sie das ein Modell, mit dem Sie sich anfreunden können?
Karmasin: Für mich ist das der absolute falsche Weg. Es ist eigentlich eine Kapitulation vor der Vereinbarkeitsfrage. Es zeigt ja, dass es anscheinend nicht möglich sein soll, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Das geht aber sehr wohl und daran arbeiten wir ja auch. Außerdem sollten sich Unternehmen nicht in das Privatleben ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmischen. Vor allem wenn es um die Planung der Familien geht, ist das völlig inakzeptabel.

SN: In Österreich ist das Einfrieren von Eizellen gesetzlich streng geregelt. Es ist nur erlaubt, wenn die Frauen krank sind und deshalb keine Kinder auf natürlichem Weg bekommen können. Sollte das Gesetz liberalisiert werden?
Das ist eine weitreichende Entscheidung. Wie so viele, die in diesem Bereich anstehen. Ich sehe derzeit keine Notwendigkeit, an der Gesetzeslage etwas zu ändern.

SN: Aber Beruf und Familie sind in Österreich nur schwer vereinbar?
Ja, leider. Nur 21 Prozent der Frauen sagen in Umfragen, dass Beruf und Karriere gut unter einen Hut zu bringen sind. Der Rest hat Schwierigkeiten.

SN: Wie wollen Sie das ändern?
Es geht sicher darum, die Betreuungseinrichtungen weiter massiv auszubauen. Wir haben hervorragende Krabbelstuben, Kindergärten und Horte. Was wir aber auf jeden Fall brauchen, ist ein gelassenerer Umgang mit dem Thema. Die Debatte, ob es besser ist, die Kinder zu Hause zu betreuen, oder nicht, bringt uns nicht weiter. Da ist viel Ideologie dahinter. Es gibt aber viele wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass Kinder von guten Betreuungseinrichtungen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung profitieren. Aber im Endeffekt sollen die Eltern frei entscheiden, wie sie ihre Kinder versorgen.

SN: Gerade in der ÖVP ist eine starke Lobby dafür, dass Kinder lang zu Hause betreut werden, und zwar am besten von den Müttern. Wie gehen Sie damit um?
Aus diesem ideologischen Denken müssen wir heraus: hier die einen, die die häusliche Betreuung hochhalten, auf der anderen Seite jene, die alle Kinder in Krabbelstuben und Kindergärten stecken wollen. Daher sammeln wir ja jetzt auch erst einmal die Daten und Fakten, und dann reden wir über die notwendigen Maßnahmen. Und wir müssen auch über das Familienbild reden, das in der Gesellschaft existiert. Es gibt viele Möglichkeiten, wie Menschen zusammenleben. Alle müssen uns gleich viel wert sein.

SN: Sie sprechen die Neuorganisation des Kinderbetreuungsgeldes an. Da wird ja vor allem die lange Variante von drei Jahren, aufgeteilt auf Mütter und Väter, infrage gestellt.
Ja, das stimmt. Es ist Tatsache, dass sich Frauen mit dem Wiedereinstieg in den Beruf schwerer tun, je länger sie zu Hause bleiben. Andererseits gibt es aber das Bedürfnis danach. Immerhin 41 Prozent der Paare wählen die lange Variante des Kindergeldes. Was ich will, sind ein Kindergeldkonto und viele verschiedene Möglichkeiten, wie das Geld verwendet werden kann, flexibel und individuell. Und es soll auch Maßnahmen geben, die die Väter dazu animieren, mehr in der Kinderbetreuung aktiv zu sein.

SN: Wie soll das aussehen?
Es könnte etwa einen Partnerschaftsbonus geben, wenn Väter eine Zeit lang die Kinder betreuen. Und sie wollen das ja auch. Bei der kurzen Variante des Kindergeldes, bei der 80 Prozent des Gehalts von maximal 2000 Euro netto ersetzt werden, liegt der Anteil der Väter bei knapp 30 Prozent. Es geht aber nicht nur ums Geld, sondern auch um eine gesellschaftliche Haltung. Für junge Männer ist es ja inzwischen extrem wichtig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

SN: Es scheint aber schwer zu sein, das zu ändern.
Derzeit ist unsere Berufswelt sicher nicht sehr familienfreundlich. Die Unternehmen müssen hier viel mehr tun. In Zukunft wird das für die Betriebe extrem wichtig sein, damit sie gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen.

SN: Wie sieht für Sie ein familienfreundlicher Betrieb aus?
Es muss in einem familienfreundlichen Unternehmen flexible Arbeitszeiten geben, verschiedene Modelle der Teilzeitarbeit, die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, einen Betriebskindergarten oder eine Betriebstagesmutter und ein Angebot für eine Kinderbetreuung während des Sommers.

SN: Wie schaffen Sie es eigentlich selbst, Ihren Job als Politikerin und die Familie unter einen Hut zu bringen?
Eigentlich gelingt es gut. Wenn ich mehr als zwei Abende hintereinander nicht mit meiner Familie zu Abend esse, werde ich unruhig. Fünf Abendtermine unter der Woche gibt es sicher nicht. In Dänemark ist das übrigens vollkommen normal, dass es nur wenige Abendtermine gibt. Man muss ja eine wichtige Besprechung nicht auf 18 Uhr legen. Es geht auch früher.

SN: Die ÖVP-Frauen verlangen, dass auf den Wahllisten jede zweite Position von einer Frau besetzt wird. Auch über Quoten in Führungsetagen von Unternehmen wird diskutiert. Hilft das den Frauen weiter?
Von einer starren gesetzlichen Quote halte ich nichts. Ich kann mir aber eine freiwillige Flexiquote vorstellen. Die Sozialpartner könnten sich darauf einigen. Sie müsste aber auf die jeweilige Branche abgestimmt werden. Und zur Politik kann ich nur sagen: Jede Partei braucht viel mehr Frauen.

Die Ministerin im Word-Rap
ÖVP: "Eine Gemeinschaft, die für Unternehmergeist, Selbstverantwortung und Leistung steht."
Familie: "Das Wichtigste im Leben."
Karriere: "Das Zweitwichtigste im Leben."

Aufgerufen am 19.11.2018 um 10:40 auf https://www.sn.at/politik/das-ist-der-falsche-weg-3082321

Schlagzeilen