Der unmögliche Job des Bürgermeisters

Woran es liegt, dass so wenige Frauen Ortschefinnen sind.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Inge Baldinger

Zenzi Hölzl, im Zivilberuf Trafikantin, war die erste. 1948 wurde sie Bürgermeisterin im niederösterreichischen Gloggnitz. Und damit die erste Ortschefin Österreichs überhaupt. Das war vor 68 Jahren.

Und heute? Steht an der Spitze von 146 Gemeinden eine Frau. Macht bei insgesamt 2100 Gemeinden einen Bürgermeisterinnenanteil von knapp unter sieben Prozent, wobei er im Bundesland Salzburg nicht einmal halb so "hoch" ist. Geht es in diesem atemberaubenden Tempo weiter, wird Österreich etwa im Jahr 2500 gleich viele Ortschefinnen wie Ortschefs haben, Salzburg vermutlich ein paar Hundert Jahre später.

Stellen sich - wie immer bei derart krassen Missverhältnissen - eine Reihe von Fragen: Trauen sich Frauen die Aufgabe nicht zu? Stellen sie zu hohe Ansprüche an sich selbst? Fehlt ihnen der Zug zur (vermeintlichen) Macht? Haben sie keine Lust auf den Knochenjob? Missfällt ihnen der rauer werdende Ton? Graut ihnen vor all den Haftungen, juristischen Zuständigkeiten und der ans Irrwitzige grenzenden Bürokratie, die es immer öfter unmöglich macht, Probleme mit Hausverstand zu lösen? Ist ihnen das Amt zu riskant, weil sie im Fall einer Abwahl vor dem Nichts stehen? Ist da niemand, der ihnen im Privat- und Familienleben, sollte es das in dieser Funktion überhaupt geben, den Rücken frei hält?

Die Wahrheit liegt in der Mitte. Sicher kein Zufall ist, dass 70 Prozent der Bürgermeisterinnen der Generation 50 plus angehören. Da sind die Kinder normalerweise außer Haus und die Eltern - mit Glück - noch nicht pflegebedürftig. Nur vier Prozent der Bürgermeisterinnen sind unter 40. Das lässt tief blicken.

Tief blicken lässt auch, dass Frauen, wenn sie sich für das Amt entscheiden, viel eher bereit sind, alle Energie hineinzulegen: Jede zweite ist dann hauptberuflich Bürgermeisterin. Bei Männern ist das anders, nur etwa jeder vierte ist Vollzeitbürgermeister, alle anderen haben ein zweites Standbein.

Und noch etwas lässt tief blicken: Fast jeder zweiten Bürgermeisterin ist das Amt sozusagen passiert - es habe sich "aufgrund der Umstände" so ergeben, bekannten 44 der Ortschefinnen in einer Umfrage des Gemeindebunds. Weitere elf Prozent mussten überredet werden. Nur elf Prozent strebten das Amt an.

Das ist bei Männern tendenziell auch so. Das einst große G'riss um den Bürgermeistersessel ist seltener und aus dem attraktiven Amt des Ortskaisers ist ein hochkomplizierter, hochbürokratischer Beruf ohne nennenswerte Freizeit geworden. Vielleicht steigt ja deshalb der Frauenanteil doch schneller.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 04:27 auf https://www.sn.at/politik/der-unmoegliche-job-des-buergermeisters-1188937

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