Nach diesem Wahltag ist nichts mehr so, wie es war. Erstmals bekommt Österreich einen Bundespräsidenten, der nicht aus SPÖ oder ÖVP stammt. Die Parteien, die sich bisher stets zumindest 80 Prozent der Hofburg-Stimmen teilten, holten gestern nicht einmal mehr ein Viertel. Auch wenn sie sich jetzt noch mehr an ihre Regierungssessel klammern: Die rot-schwarze Götterdämmerung hat begonnen.
Rudolf Hundstorfer und Andreas Khol sind nicht so schlecht, wie sie gestern abschnitten. Sie litten unter der mangelnden Kampagnen-Fähigkeit ihrer zutiefst gespaltenen Parteien. Und sie zahlten die Zeche für die desaströse Arbeit der Regierung.
Das Rennen machten jene drei Kandidaten unter sich aus, die - auf unterschiedliche Art - eine Abkehr vom rot-schwarzen System anboten. Überragend ist der gestrige Sieg Norbert Hofers. Er markiert die lange erwartete und nun endgültig eingetretene Ablöse der in jedem Sinne alten Arbeiterpartei SPÖ durch die neue Arbeiterpartei FPÖ.
Das überraschend starke Abschneiden von Irmgard Griss zeigt, dass in Österreich etwas ganz Neues im Entstehen ist. Jahrelang versuchten unzufriedene Bürger vergeblich, mit Manifesten, Unterschriftenaktionen und neuen Parteien den politischen Stillstand zu beenden. Nun ist einer unbekannten, unabhängigen Kandidatin aus dem Nichts - mit wenig Geld und ohne Parteiapparat - der Aufbruch gelungen. Viele empfinden das als eine Befreiung. Man wird von Irmgard Griss in der Politik noch hören.
Den Einzug in die Stichwahl verwehrte ihr nur der Ausnahme-Wahlkämpfer Alexander Van der Bellen. Der Professor punktete mit seiner einnehmenden Persönlichkeit und seiner langjährigen Fernseh-Erfahrung als grüner Parteichef.
Wer wird die Stichwahl gewinnen? Die Geschichte zeigt, dass Platz eins im ersten Wahlgang noch gar nichts bedeutet. In der Mehrzahl der Fälle wurde der zunächst Zweitplatzierte Bundespräsident. Das könnte auch diesmal der Fall sein. Was der Schlachtruf "Alles, nur nicht Blau" bewirken kann, hat vergangenen Herbst die Wiener SPÖ vorgeführt. Ähnliches wird nun bis zur Stichwahl am 22. Mai versucht werden, um Norbert Hofer zu verhindern.
Der FPÖ-Kandidat ist trotzdem schon jetzt ein Sieger. Er hat in diesem Wahlkampf den Freiheitlichen mit menschlichem Antlitz präsentiert und sich - falls er nicht Bundespräsident werden sollte - als blauer Vizekanzler oder sogar mehr empfohlen. Ob sein Parteichef Strache schon eifersüchtig ist?
