Die Amerikaner haben die Globalisierung abgewählt

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Amerika protestiert dagegen und nimmt Donald Trump in Kauf.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Manfred Perterer

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat nicht nur in den USA, sondern auch bei uns das Lebensziel vieler Menschen gelautet: Meinen Kindern soll es einmal besser gehen. Dieses Vorhaben ist in den meisten Fällen wahr geworden. Man konnte sich darauf verlassen, dass das Leben für jeden, der sich halbwegs bemühte, eine gute Ausbildung, einen Arbeitsplatz, steigenden Wohlstand und Sicherheit bereithielt.

Doch seit ein paar Jahren ist das anders geworden. Auf die alten Versprechen an die Zukunft ist kein Verlass mehr. Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wirtschaftlich, ökologisch, ideologisch. Die Politiker haben das zwar erkannt, aber sie tun nichts dagegen. Wir hören seit der Finanzkrise im Jahr 2008, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Dass die Umverteilung anders erfolgen muss und die Kluft zwischen Arm und Reich nicht mehr größer werden darf. Doch es ändert sich nichts.

Also geht der Frust vieler Menschen über in Zorn. Er erfasst nicht nur die sogenannten Wohlstandsverlierer, auf die man früher gern verächtlich herabgeschaut hat, auf die vermeintlichen Sozialschmarotzer, die Ungebildeten, die Schwachen, auch die Frauen. Nein. Heute ist die breite Mittelschicht vom Gefühl erfasst, dass es nicht mehr aufwärts-, sondern abwärtsgeht. Dabei zählen hier längst nicht mehr die Fakten. Die sagen ja vielfach etwas ganz anderes. Es geht um Gefühle.

Eines dieser Gefühle ist, dass diese Menschen denken, sie werden von der Politik zum Narren gehalten. Irgendwann, und dieser Zeitpunkt scheint jetzt gekommen, beginnen sich diese Menschen zu wehren. Sie glauben dem Establishment und auch den Medien, die sie als Teil der Macht und nicht als deren Kontrollore begreifen, nicht mehr. Sie wollen keine besserwisserischen, zumeist moralinsauren Appelle hören, was sie tun und was sie nicht tun, wen sie wählen und wen sie nicht wählen dürfen.

Wie groß muss die Wut in einem Volk bereits sein, dass es einen Mann wie Donald Trump zum mächtigsten Menschen der Welt kürt? Zu glauben, dass die Amerikaner den rüpelhaften Milliardär zum Präsidenten gewählt haben, weil sie ihn so toll finden, wäre naiv. In Wahrheit wurden das politische Establishment und die ungezähmte Globalisierung abgewählt. Der Poltergeist Trump bot sich als Sammelbecken für die Stimmen der Enttäuschten an. Wahrscheinlich hätte auch jeder andere Kandidat gegen Hillary Clinton gewonnen. Wenn nicht, dann wäre der Systemwechsel spätestens bei der nächsten Wahl in vier Jahren fällig gewesen. Bei der Gelegenheit muss man auch die Frage stellen, welchen Frust die Administration Obama in den vergangenen acht Jahren erzeugt haben muss, der Donald Trump die Wähler in Scharen zugetrieben hat.

Der Siegeszug der Populisten hält an. Und zwar so lang, bis die eta blierte Politik endlich aufwacht und handelt. Doch es scheint, als hätten sich ganze Regierungen und Parlamente von ihren Stimmbürgern so weit entfernt, dass sie in ihren Blasen der Selbstbeweihräucherung gar nicht mehr mitbekommen, wo die Menschen der Schuh drückt. Dazu kommen vielfach selbstgefällige und realitätsferne Journalisten, die den Draht zu ihrem Publikum verloren haben. Dasselbe gilt für Meinungsforscher, die von der Wirklichkeit so weit entfernt sind wie der Mars von der Erde.

Am Ende tun sie alle überrascht über die Entwicklung, ob das nun nach dem Brexit war oder nach Trumps Wahl. Jegliche Bodenhaftung verloren haben schließlich diejenigen, die den Wählerinnen und Wählern die Schuld an allem geben.

Donald Trump ist nicht über Amerika gekommen wie ein un vorhersehbares Naturereignis. Der neue Präsident ist das Ergebnis jahrelangen Systemversagens. Alle, die bis zuletzt an Hillary Clintons Sieg geglaubt haben, befanden sich nicht im Mainstream, wie uns die Demoskopen weismachen wollten, sondern vertraten eine Position, die mit der amerikanischen Realität nichts mehr zu tun hatte.

Das haben die Wählerinnen und Wähler erkannt und sich nicht gefallen lassen.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 02:45 auf https://www.sn.at/politik/die-amerikaner-haben-die-globalisierung-abgewaehlt-900859

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