Die "Arabellion" braucht einen langen Atem

Auf die Euphorie ist Ernüchterung gefolgt. Aber man muss deshalb noch nicht vor einem "arabischen Winter" warnen.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Helmut L. Müller


Libyen steht vor der ersten freien Wahl. Zum ersten Mal seit 50 Jahren haben die Menschen dort die Möglichkeit, auf diese Weise ihren politischen Willen auszudrücken. Das zeigt neuerlich, dass der "arabische Frühling" für die Region ein epochaler Einschnitt ist.

Korrupte und brutale Tyrannen sind gestürzt worden. Das Streben nach Freiheit, Demokratie und Mitbestimmung hat sich allgemein verbreitet. Ein Aufstand der Araber für die eigene Würde hat die versteinerten Verhältnisse der orientalischen Despotie zum Tanzen gebracht. Die Stagnation, die die arabische Welt jahrzehntelang bestimmt habe, sei vorbei, konstatiert die Nahostexpertin Muriel Asseburg im SN-Gespräch - ein "fundamentaler Wandel".

Die "Arabellion" ist eineinhalb Jahre nach ihrem Beginn ins Stocken geraten, wird von Rückschlägen begleitet. Zu unrealistisch war wohl die Erwartung, dass sich in der Region rasch gefestigte Demokratien westlichen Zuschnitts etablieren könnten. Solche revolutionären Umwälzungen brauchen nach der Darlegung der Historiker viel Zeit, ehe sie zum Erfolg führen. Anders als die Ostmitteleuropäer, für die nach der Wende von 1989 vor allem die Europäische Union zum Rettungsanker geworden ist, stehen die arabischen Freiheitsfreunde allein da. Die alten Kräfte halten sich auch deshalb hartnäckig, weil ihnen externe Mächte oft genug noch den Rücken stärken.

Die Schwierigkeiten der "Arabellion" sind in diesem Moment schon zu spüren. Der blutige Schrecken in Syrien hat eine abschreckende Wirkung auf die Freiheitsaktivisten anderswo, nimmt etwa der jordanischen Demokratiebewegung viel an Schwung. Entmutigt werden Engagierte auch durch das Gefühl, dass die Revolution in Ägypten bisher überhaupt nicht das gebracht hat, was ihre Wortführer bewirken wollten.

Aber die "Arabellion" wird weitergehen. Eine große junge Generation in den arabischen Ländern hat keine Perspektiven. Der demografische Druck, der den Aufstand ausgelöst hat, bleibt. Die Frustrierten haben erprobte Exempel vor Augen, wie neue Medien für die politische Mobilisierung genutzt werden können. Die Angst hat die Seiten gewechselt: Nicht mehr die Bevölkerung ist erstarrt in Furcht vor den Machthabern, die Herrscher ängstigen sich vor dem aufbegehrenden Volk. Gewalt bringt nicht mehr Unterwerfung hervor, sondern steigert die Wut der Unterdrückten.

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