Die Attacke auf Wahlärzte hilft niemandem

Typisch Österreich: Da das eine Gesundheitssystem nicht gut läuft, soll jetzt ein anderes abgeschafft werden.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Manfred Perterer

Im Jahr 2005 gab es in Österreich 7020 Ärztinnen und Ärzte mit einem Kassenvertrag. Zehn Jahre später waren es trotz Erfindung der Gruppenpraxen nur unwesentlich mehr: 7215. Im selben Zeitraum ist die Zahl der freien Wahlärzte von 6400 auf mehr als 9000 gestiegen. Was sagt uns das? Das derzeitige Abrechnungssystem über die Krankenkassen ist für Ärzte nicht mehr attraktiv. Sie machen lieber eine Wahlarzt-Ordination auf und verrechnen ihre (um einiges höheren) Honorare direkt mit den Patienten. Diese können sich zumindest einen Großteil dessen, was die Krankenkasse bezahlt hätte, rückerstatten lassen.

Was tut die österreichische Politik, zumindest die SPÖ? Sie überlegt nicht, wie sie das offenbar kränkelnde Kassensystem verbessern könnte. Sie denkt stattdessen über die Abschaffung des mittlerweile beliebten und bewährten Wahlarztsystems nach.

Schuld an der Umkehrung der Situation innerhalb weniger Jahre ist die schlechte Bezahlung der niedergelassenen Ärzte durch die Krankenkassen, von denen es in Österreich immerhin 22 gibt: neben den neun Gebietskrankenkassen in den Ländern etwa die Versicherung für Gewerbetreibende, Bauern, öffentlich Bedienstete oder Eisenbahner.

Die Patienten sind im Lauf der Zeit anspruchsvoll geworden. Von jedem Kassenarzt wird nicht nur eine top eingerichtete Praxis und bestens geschultes Personal, sondern auch modernstes medizinisches Gerät erwartet. Damit der Arzt diese Kosten überhaupt wieder einspielen kann, muss er angesichts niedriger Kassentarife möglichst viele Patienten pro Tag durch seine Praxis schleusen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit pro Fall. Stress und Frust beim Arzt und bei den Patienten sind die Folge.

In diese Lücke der Unzufriedenheit stoßen die Wahlärzte. Sie haben mehr Zeit, verlangen aber auch mehr Geld. Bisher zahlt die Krankenkasse zumindest einen Teil davon.

Die SPÖ täuscht sich, wenn sie glaubt, die Abschaffung dieses Not-Systems würde Geld einsparen, das sie dann für andere Gesundheitsprojekte ausgeben könnte. Denn was passiert: Jene, die auf die Rückerstattung der Honorare angewiesen sind, und das sind wohl die meisten, werden sich halt wieder in die übervollen Praxen der Kassenärzte setzen. Und dann muss die Krankenkasse erst recht wieder den vollen Tarif zahlen.

Geholfen ist mit der SPÖ-Attacke auf Wahlärzte und ihre Patienten niemandem. Neumond und Hochsommer sind keine Ausreden.

Aufgerufen am 23.09.2018 um 06:47 auf https://www.sn.at/politik/die-attacke-auf-wahlaerzte-hilft-niemandem-1192801

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