Die Wahrheit ist nur noch eine Option

Wer macht das Rennen um die US-Präsidentschaft? Einen beängstigenden Sieger hat der Wahlkampf bereits hervorgebracht: die Ahnungslosigkeit.

Autorenbild
Politik | Innen- & Außenpolitk Anja Kröll
Die Wahrheit ist nur noch eine Option SN/AP
Wen wählt Amerika zum nächsten Präsidenten?

Die Anekdote, die Journalist Alan Miller kürzlich in der Washington Post zum Besten gab, ist ein Lehrstück. Der Pulitzer-Preis-Gewinner unterrichtete Studenten in New York und wollte mit ihnen den 15 Jahre zurückliegenden Tod des Terroristen Osama Bin Laden analysieren. Die Reaktion seines Auditoriums: "Was? Warte mal. DER ist tot?"
Junge Menschen, die als "digital natives" in einer Zeit aufwachsen, in der es mehr und leichteren Zugang zu Informationen gibt als je zuvor, sind nicht automatisch besser informiert. Vielmehr wirken sie ahnungsloser als je zuvor. Womit sie nicht alleine sind, wie ein Blick auf den amerikanischen Wahlkampf, seine Wähler und Donald Trump zeigt.
Der republikanische Präsidentschaftskandidat hat sich - neben unterstellten sexuellen Übergriffen, Frauenfeindlichkeit und Steuerbetrügereien - auch durch notorische Lügen für das höchste Amt im Staat disqualifiziert. Nur zu stören scheint dies niemanden. Da poltert und trickst ein Milliardär. Dort sitzen Wähler, die mit der Technik in ihren Händen jederzeit diese Aussagen überprüfen könnten - tun sie aber nicht. Wen interessieren schon Fakten, wenn das Gesagte die eigene gefühlte Wahrheit in so wunderbarer Weise bestätigt? Eine Wahrheit, von der man gewohnt ist, sie jeden Tag in sozialen Medien gespiegelt zu bekommen. Von Freunden, denen im Echoraum von Facebook, Twitter & Co. mehr Glauben geschenkt wird als Fakten, die die eigenen Vorurteile widerlegen könnten.
Als Korrektiv, als "kritische Membran" sind dringend klassische Medien gefragt: Zeitungen, Radio, das Fernsehen. Doch auch das zeigt der US-Wahlkampf: Auf weiten Strecken bleibt die vierte Gewalt im Staat machtlos, wenn es darum geht das öffentliche Bewusstsein für Lüge und Wahrheit zu schärfen. Noch so gründlich recherchierte Artikel, die das Gesagte mit Fakten widerlegen, werden ignoriert. Oder mit einem liebgewonnen Totschlagargument zertrümmert: "Lügenpresse". Menschen in ihren Emotionen faktenorientiert zu erreichen, scheint unmöglich.
Lebt es sich bequemer in einer Blase, in die nur "Fakten" eindringen, die das eigene Weltbild bestätigen? Kurzfristig sicher. Emotionen sind die neuen Fakten, die damit einhergehende Ahnungslosigkeit wird als Restrisiko billigend in Kauf genommen. Langfristig aber, kann nur der Ansatz des ehemaligen Soziologieprofessors, Diplomatens und US-Senators Daniel Patrick Moynihan gelten: "Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten."

Der Countdown läuft: noch sechs Tage bis zur Wahl.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 02:37 auf https://www.sn.at/politik/die-wahrheit-ist-nur-noch-eine-option-943222

Schlagzeilen