Donald Trump torkelt durch Washington

Der Präsident und sein Team geben ein gespenstisches Bild. Im Weißen Haus herrscht völliges Chaos, der Chef lebt in einer Parallelwelt.

Autorenbild
Politik | Innen- & Außenpolitk Martin Stricker
 SN/wizany

Kaum vier Wochen ist es her, dass Donald Trump in seinem Amt als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wurde. Seine Antrittsrede war düster und drohend. Seine ersten offiziellen Auftritte drehten sich um die Zahl derjenigen, die ihm zujubelten. Wie so oft log Trump - oder schuf sich eine eigene Wirklichkeit: Er wollte nicht wahrhaben, dass die Schar seiner Fans peinlich niedrig war. "Alternative Fakten" nannte das Trumps Sprecherin Kellyanne Conway.

Ab da schwand die Hoffnung vieler Menschen, ein Präsident Trump würde anders sein als der Wahlkämpfer Trump oder gar der Geschäftsmann Trump. Gewicht und Würde des Amtes , so die Annahme, könnten diesen Reality-TV-Star sozusagen verwandeln, und es werde sich zeigen, dass dieser Mann, der sich an die Spitze der Globalisierungskritik stellen konnte, einen Plan habe, den er kraftvoll und endlich seriös verfolgen würde.

Einen furiosen Start wollte Donald Trump hinlegen. Er, der sich als einzigartiger Problemlöser und Manager sieht, würde es allen zeigen. Doch so groß ist inzwischen das Chaos, dass selbst wohlwollende Beobachter von einer Regierungskrise sprechen.

Die "große schöne Mauer" zu Mexiko? Scheiterte schon in den Ansätzen an der Finanzierung.

Kritik am Establishment? Ein Wall-Street-Manager nach dem anderen rückt in sein Kabinett vor.

Rücknahme von Obamacare? Lässt mangels Konzept auf sich warten, Zeithorizont unbekannt.

Einreisestopp für "gefährliche Muslime"? Derart stümperhaft, dass das Dekret an den Gerichten zerschellt.

Kampf gegen den Terror? Der erste Auslandseinsatz im Jemen endet im Fiasko.

Erste Telefonate mit anderen Staatschefs verliefen peinlich oder wirr. Dem australischen Ministerpräsidenten Malcolm Turnbull, knallte er den Hörer auf. Gegenüber dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping betonte er, Pekings Konzept der Einheit Chinas und Taiwans zu respektieren, was genau das Gegenteil dessen war, was er kurz zuvor von sich gegeben hatte. Aber vielleicht folgt ja noch ein kleiner Handelskrieg. Ach ja, und die gerade noch "obsolete" NATO wurde laut Verteidigungsminister James Mattis zum "gemeinsamen Fundament".

In Washington laufen Intrigen und Ränkespiele, dass William Shakespeare seine Freude hätte. Trumps Chefstratege Stephen Ban non, ein weit rechts stehender Verschwörungsnationalist ohne jede politische Erfahrung, führt den ideologischen Flügel. Vizepräsident Mike Pence, Pentagon-Chef James Mattis und auch Außenminister Rex Tillerson, bislang Chef des Ölkonzerns ExxonMobil, versuchen Realpolitik.

Donald Trump selbst, dünnhäutig und abhängig von Anerkennung, sieht sich mit immer drängenderen Fragen über sein Verhältnis zu Russland konfrontiert. Die Indizien, die darauf hinweisen, dass Moskau das US-Sicherheitssystem knacken konnte und versuchte, die Präsidentschaftswahl zu beeinflussen, wiegen immer schwerer. Die Beweise von Kontakten zwischen Mitgliedern des Trump-Teams und hochrangigen Kreml-Vertretern im Wahlkampf gelten inzwischen als so gut wie wasserdicht. Trumps Sicherheitsberater Michael Flynn wurde gefeuert - pikanterweise nicht, weil er mit dem russischen US-Botschafter unautorisiert über Sanktionen geredet hatte, sondern weil er es vertuschen wollte.

Vor allem aber: Trump beschimpfte in seiner bisherigen Amtszeit und während der Wahlkampagne alles und jeden - nur einer blieb unangetastet: Wladimir Putin. Warum? Ist der amerikanische Präsident tatsächlich erpressbar, wie ein Geheimdienstbericht vermutete?

Die US-Schlapphüte dürften ihren Chef bereits als Sicherheits risiko betrachten. Angeblich enthalten sie ihm Informationen aus Sorge vor, er könne sie ausplaudern.

Trump aber trat in der Nacht auf Freitag als ein der Realität entrückter Entertainer auf. Redete über Umfragewerte und Quoten, attackierte Journalisten, beklagte "Fake News" und "Leaks". Seine Regierung laufe wie eine "fein abgestimmte Maschine", sie habe in kurzer Zeit mehr erreicht als wohl jede andere zuvor, sagte er.

Nicht nur in den USA wird öffentlich die Frage gestellt, ob Donald Trump fit genug für sein Amt ist. Totales Desaster. Traurig.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 08:03 auf https://www.sn.at/politik/donald-trump-torkelt-durch-washington-362491

Schlagzeilen