Ein Grapscher zieht ins Weiße Haus ein

Nach Donald Trumps widerwärtigen Aussagen gegenüber Frauen schien es undenkbar, dass auch nur eine ihn wählen würde. Irrtum.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Gudrun Doringer

Beklemmung. Unglauben. Schockstarre. So fühlt sich der Moment an, wenn Männer Frauen wie nebenbei auf den Hintern greifen, um dann höflich weiterzusprechen, als wäre nichts gewesen. Genauso fühlte sich der 9. November an, als Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Ein Mann, der von sich sagt, er könne sich alles erlauben, auch Frauen zwischen die Beine fassen, der mit sexuellen Übergriffen prahlt und dessen Anhänger sich mit Ansteckern schmücken konnten, auf denen "Endlich einer mit Eiern" geschrieben stand, bekommt das mächtigste Amt der Welt. Wer gedacht hatte, nach dem Fall der Mauer, dem Verschwinden der Grenzen in Europa, dem ersten schwarzen US-Präsidenten käme nun eine Frau an die Reihe, wurde bitter enttäuscht. Denn es kam Trump. Wie konnte das passieren? Wie konnten 42 Prozent der Frauen, die gewählt haben, ihre Stimme einem sexuell übergriffigen Mann geben? Drei Erklärungsversuche.

Nummer 1: Die Zeiten sind stürmisch. Wer sich die Nachrichten ansieht, möchte sich danach mit Fühl-dich-wohl-Tee betrinken, den Gartenzaun hochfahren und da hinter in ein wohlig-heimeliges Biedermeier verfallen. Mit Yoga, Kuchenbacken und Kindern. Was ist so schlecht an Heim und Herd? Es ist ein durchaus verständlicher Wunsch, den Wirren der Welt entfliehen zu wollen, die Grenzen enger zu stecken und einen starken Mann vorzuschicken, der vorgibt, sich vor nichts zu fürchten. Als solcher hatte sich Trump stilisiert. Als Superman, der den Amerikanern die Welt da draußen vom Leib hält. Das Zuhause aber, in das sich Frau samt Familie dann flüchten könnte, wäre überschaubar und friedlich (wären da nicht die 270 Millionen Schusswaffen in privaten US-Haushalten. Aber das ist eine andere Geschichte).

Nummer 2: Frauen wird in der Politik mehr abverlangt als ihren männlichen Kollegen - und das auch von weiblichen Wählern. Eine mächtige Frau soll Härte demons trieren und gleichzeitig Gefühle zeigen. Aber bitte wohldosiert! Zu viel Gefühl könnte weinerlich wirken, zu viel Härte als Kühle oder übertriebener Ehrgeiz ausgelegt werden. Es ist eine Gratwanderung, die stählerne Nerven erfordert. Hillary Clinton hat diese stählernen Nerven. Viele machten ihr das zum Vorwurf. Es sei unweiblich. Ein Teufelskreis. Zudem stehen mächtige Frauen unter doppelter Beobachtung: Was wurde nicht alles hineininterpretiert in den Hang der britischen Premierministern Theresa May zu ausgefallenen Pumps. Über Boris Johnsons Vorliebe für bunt gestreifte oder gepunktete Socken war wenig zu lesen. Ladies first, heißt es in der Politik vor allem dann, wenn es um Falltüren geht.

Nummer 3: Donald Trump ist ein Entertainer, der mit seinen Reality-Shows schon lang in den Wohnzimmern der Amerikaner zu Hause ist. Den Showman gab er auch im Wahlkampf. Seine sexistischen Aussagen waren widerwärtig, respektlos - und für erschreckend viele Menschen unterhaltsam. Je derber seine Sprüche, umso mehr Sendeminuten und Schlagzeilen, lautete die Devise. Die Rechnung ging auf und die Medien spielten mit. Dass Hillary Clinton im Wahlkampf so aggressiv attackiert wurde, hatte eben nicht nur mit dem zu tun, was ihr vorgeworfen wird: Verbindungen zur Wall Street, die E-Mail-Affäre, das Establishment, für das sie steht. Sie kämpfte gegen Sexismus. Und gegen einen Mann, der auf dieser Klaviatur spielte wie kaum ein anderer. "Wenn Hillary nicht einmal ihren Mann befriedigen kann, wie kommt sie dann dazu zu glauben, dass sie Amerika befriedigen kann?", sagte er, um seine Kontrahentin zu demütigen. Über Megyn Kelly, eine ihm unbequeme Moderatorin des konservativen Fernsehsenders Fox, sagte er, sie sei nicht objektiv, "wenn das Blut wo auch immer aus ihr herausströmt". Auch Tochter Ivanka schonte er nicht. "Wenn sie nicht meine Tochter wäre, würde ich mich vielleicht an sie heranmachen." Viele Frauen sahen über seine sexuellen Übergriffe hinweg - sie sahen, dass sich da endlich jemand vom Establishment absetzte. Dass er das auch sprachlich vollzog, verstärkte die Wirkung nur.

Donald Trump als 45. Präsident der USA ist wie ein Tritt in die Magengrube für viele Frauen. Die Schockstarre wird sich lösen. Dann werden wir die westlichen Werte künftig auch gegenüber den USA verteidigen müssen.

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