Ein völlig neuer Politikertyp

Beruflicher Erfolg und politische Karriere müssen einander nicht ausschließen. Gut so.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Andreas Koller

Eine habilitierte und hoch qualifizierte Medizinerin führt neuerdings das Gesundheitsministerium. Eine Molekularbiologin und einstige Wissenschafterin ist seit einigen Monaten Unterrichtsministerin. Ein erfolgreicher Manager und Unternehmer steht an der Spitze des Finanzministeriums. Ein ausgewiesener Kulturmanager wurde im vergangenen Jahr zum Kulturminister ernannt.

Und nicht zuletzt: Ein einstiger Vorstandsdirektor steht als Bundeskanzler an der Spitze der Bundesregierung. - In Österreichs Spitzenpolitik hat sich ein Wandel vollzogen, zu den beiden bisher üblichen Politikertypen hat sich ein dritter hinzugesellt. Die bisher üblichen Politikertypen: Das waren zum einen jene, die sich ihr Minister- oder sonstiges Spitzenamt durch mühsames Absolvieren der "Ochsentour" an der politischen Basis verdient hatten. Der Ministersessel als Belohnung für treue Parteidienste sozusagen, was nicht in jedem Fall dazu führte, dass der oder die Qualifizierteste den Job bekam.

Und da waren zum anderen die Quereinsteiger. Ehemalige Journalisten, ausgediente Spitzensportler, auch Schauspieler, die von den Parteien zwecks Behübschung der Listen in die Spitzenpolitik geholt wurden. Und dort in der Regel nicht allzu erfolgreich waren, was kein Wunder ist, denn schließlich ist auch die Politik ein Beruf, der erlernt werden will.

Der dritte, neue Politikertyp, der neuerdings in der Bundesregierung anzutreffen ist, ist der Experte, der - anders als die klassischen Quereinsteiger - über beträchtliche politische Expertise und Vernetzung verfügt. Pamela Rendi-Wagner als Sektionschefin in jenem Ministerium, das sie seit gestern führt. Sonja Hammerschmid als Geschäftsführerin einer wissen schaftlichen Förderagentur und Präsidentin der Rektorenkonferenz. Hans Jörg Schelling als Vizepräsident der Wirtschaftskammer und Präsident des So zialversicherungsverbands. Thomas Drozda durch seine jahrelange Tätigkeit in roten Kanzler-Vorzimmern und im staatsnahen Theatermanagement. Und Christian Kern als einstiger Mitarbeiter im roten Parlamentsklub und langjähriger Netzwerker hinter den roten Kulissen.

Der neue Politikertyp kann Österreich zum Vorteil gereichen. Von den politischen Experten im Regierungsamt ist mehr Sachlichkeit und weniger Taktik, mehr Konstruktivität und weniger Konkurrenzneid zu erwarten als von reinen Parteipolitikern. Wenn die Parteien, die die politischen Experten an die Spitze geholt haben, dies zulassen.

Aufgerufen am 26.09.2018 um 09:05 auf https://www.sn.at/politik/ein-voellig-neuer-politikertyp-316519

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