EU-Wahl 2019

Spitzenkandidatin mit Promi-Faktor: Warum Sarah Wiener ins EU-Parlament will

Die Fernsehköchin Sarah Wiener kandidiert als Listenzweite für die Grünen bei der Europawahl. Der Quereinstieg scheint das Erfolgsrezept der in Berlin lebenden Österreicherin zu sein.

Sarah Wiener auf einem Bio-Bauernhof in Abtenau. SN/dorina pascher
Sarah Wiener auf einem Bio-Bauernhof in Abtenau.

Sarah Wiener strahlt. So wie sie immer strahlt, wenn sie Tiere sieht. Mit ihren weißen Lederschuhen stapft sie in das feuchte Stroh, es riecht etwas nach Gülle. "Ich bin begeistert! Ich nehme sie alle", sagt sie laut und schwenkt ihre Hand in Richtung einer braungefleckten Kuh. Rund ein Dutzend der Tiere stehen in dem Stall auf einem Hof in Abtenau, den Sarah Wiener auf ihrer EU-Wahlkampftour besucht.

Eine der Kühe versucht, die Schürze des senfgelben Dirndl der Österreicherin anzuknabbern. Mit einem sanften Ruck entzieht Sarah Wiener dem Tier sein potentielles Fressen. Dass Sarah Wiener keine Berührungsängste hat, merkt man auf den ersten Blick. Nicht nur auf Kühe geht sie ohne Angst und mit einer Hand voll Futter zu. Auch die Journalisten, die Landwirtin und andere Menschen, die sich an diesem Donnerstagnachmittag auf dem Bauernhof auf dem Salzburger Land versammeln, empfängt Sarah Wiener mit ihrem einnehmenden Lächeln, das ihr kleine Grübchen in die Wangen presst. Sarah Wiener plaudert aus dem Nähkästchen. Sie redet von ihrem eigenen Hof in der Uckermark, nördlich von Berlin. Sie erzählt von den freilaufenden Hühnern, von den herumsurrenden Bienen und wie sie auf 800 Hektar versucht ihren Lebenstraum wahr werden du lassen: die ideale Landwirtschaft. Eigentlich, sagt sie, ist es die österreichische, nämlich die kleinteilige Landwirtschaft, die sie so sehr schätzt. Aber auf 800 Hektar lässt sich der Biolandbau genauso gut umsetzen, ist die 56-Jährige überzeugt.

Kann Sarah Wiener auch Politik?

Landwirtschaft gehört zu Sarah Wieners Lieblingsthemen. Das merkt man, sobald man nur einen Ton davon spricht. Sofort sprudelt es dann aus der in Deutschland lebenden Österreicherin heraus. Fachbegriffen falle, die sie zwar liebend gerne erklärt, aber ihr Redefluss prasselt unaufhaltsam auf einem herab. Die Landwirtschaft ist auch der Grund, weshalb Sarah Wiener nun als Zweitplatzierte auf der Grünen-Liste den Weg in die EU-Politik schaffen will. Denn in der kommenden Legislaturperiode würden grundlegende Entscheidungen zu Europas Agrarpolitik gefällt werden, die Sarah Wiener nicht den üblichen EU-Abgeordneten überlassen will.

Kann Wiener auch Politik? Es ist eine der häufigsten Fragen, die sich die Köchin bei Interviews im Wahlkampf stellen muss. Zumindest an ihrem Leben ist abzulesen, dass sie nicht zum ersten Mal einen Quereinstieg wagt. Der Quereinsteig ist quasi Sarah Wieners Erfolgsrezept.

Sarah Wiener ist den meisten im deutschsprachigen Raum als Fernsehköchin bekannt. Ab und an taucht sie in TV-Talkrunden auf und predigt ihr Mantra von der gesunden Ernährung. Dass das nicht nur Worthülsen sind, kann man an dem vielseitigen Engagement der 56-Jährigen ablesen. Mit der Sarah Wiener Stiftung bringt die Österreicherin Kindern frisch-zubereitetes Essen mit wenig Zucker und viel Gemüse nahe.

Durch ihren Vater kam Wiener zum Kochen

Als Sarah Wiener selbst noch ein Kind war, war Köchin eigentlich nie ein Berufswunsch, erzählt sie im SN-Gespräch. Zumindest kein bewusster. Sie hat sich schon jung mit Lebensmitteln und ihre Wirkung auf Körper und Umwelt beschäftigt. "Als ich acht oder neun Jahre alt war kam die Mär auf, dass Cola die Leber auflöst und süchtig macht. Seitdem hab ich nie wieder in meinem Leben eine Cola getrunken." Mit 14 Jahren macht Wiener zum ersten Mal einen Kochkurs auf dem Mädcheninternat. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie - ihr Name könnte es verraten - in Wien. Dort wuchs sie bei ihrer Mutter, der deutschen Künstlerin Lore Heuermann auf. Ihr Vater, Oswald Wiener, war ein bekannter Aktionskünstler in den 1960ern. Er war es auch, der Sarah Wiener zum Kochen brachte.

Nachdem der Versuch Wieners, Schäferin in Südfrankreich misslungen ist, trampte sie längere Zeit durch Europa - an den genauen Zeitraum kann sich Sarah Wiener selbst nicht mehr erinnern. Irgendwann führte sie ihre ziellose Reise nach Berlin "und dann ist mir eingefallen, dass ich da einen Vater habe." Oswald Wiener führte zu der Zeit ein relativ berüchtigtes Restaurant im Osten Berlins, das "Exil". "Es war sicherlich das beste Restaurant damals zu Mauerzeiten, wo einfach frisch und gut österreichisch Hausmannskost serviert wurde", ist Oswald Wieners Tochter überzeugt. Im Restaurant des Vaters lernte Sarah Wiener ihr Handwerk. Auch ohne Ausbildung oder Studienabschluss.

Wenn man Geschichten über ihr Leben liest, wird häufig ein Aspekt aus Wieners Leben angesprochen: dass sie in Berlin eine Zeit lang von Sozialhilfe lebte und alleinerziehende Mutter war. Mit 23 Jahren bekam sie ihren Sohn Artur.
Das Leben Sarah Wieners bestand nicht nur aus Sonnenschein und Bauernhofidylle. Sehr lange habe sie einen naiven Blick auf die Welt gehabt. "Ich musste erst einmal erkennen, dass sich nicht die geniale Königin bin, auf die alle warten und der alles zufliegt. Und die dann vom Prinzen im weißen Pferd abgeholt wird", sagt die 56-Jährige heute. Irgendwann habe sie gelernt, dass man manche Dinge allein anpacken muss, wenn man etwas in seinem Leben verändern will. Nach dem Fall der Mauer kaufte sich Sarah Wiener einen ausrangierten Küchenwagen der NVA, der Streitkraft der DDR. In ihrer beruflichen Anfangszeit verdiente sie sich ihr Geld damit, Filmcrews in Berlin und Umgebung mit Essen zu versorgen. Sie kochte unter anderem für Tilda Swinton, Isabelle Huppert oder Maximilian Schell. 2003 eröffnete Sarah Wiener ein Restaurant im Museum "Hamburger Bahnhof" in Berlin.

Als Grünen-Politiker sieht sie sich nicht

Doch Sarah Wiener allein auf ihre Kochkünste zu reduzieren, wäre fast so, wie wenn man Angela Merkel für ihre scheinbar vorzüglichen Rindsrouladen lobt. Das wäre zu verknappt. Nein, Sarah Wiener ist sicherlich keine deutsche Bundeskanzlerin, aber sie selbst sieht sich auch als "Visionärin". Für Themen, die ihr wichtig erscheinen, setzt sie sich mit Herzblut ein. Und ihr Repertoire umfasst nicht nur gesunde Ernährung und Landwirtschaft. Es ist auch ein sorgsamer Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen, ein respektvoller Umgang in der Gesellschaft oder die Gleichberechtigung von Männer und Frauen. Sie kochte für Flüchtlinge, ging mit Schülern auf eine "Fridays-for-Future"-Demo in Wien oder ist Schirmherrin für Frauen-Notruftelefone. Praktischerweise sind Sarah Wieners Themen klassische "grüne" Themen.

Hätte denn mit ihrem Lebenslauf und ihren Interessen gar nichts anderes werden können, als eine Grünen-Politikerin? Sarah Wiener muss lachen. "Ich finde Grünen-Politikerin so ein lustiges Wort", sagt sie. Ihr Sprecher muss kurz schlucken. Nein, als Grünen-Politikerin sehe sie sich nicht, sie sei gar keine Politikerin, weil sie keine Lobbyarbeit mache - "außer Lobbyarbeit für die Natur." Und wie würde sie sich dann bezeichnen? Mit einem breiten Lächeln antwortet sie: "Ich bin die Sarah."

Aufgerufen am 20.06.2019 um 07:09 auf https://www.sn.at/politik/eu-wahl-2019/video-spitzenkandidatin-mit-promi-faktor-warum-sarah-wiener-ins-eu-parlament-will-70626091

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