Fake News, Hasspostings und das Postfaktische

Die "Salzburger Nachrichten" sind seit 20 Jahren im Netz. Inseln der Glaubwürdigkeit sind notwendiger denn je.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Manfred Perterer

Die Medienhuren hetzen weiter - PRIMITIVES PACK." Das ist noch eines der harmlosesten Postings, die unsere Kollegin Sabrina Glas zuletzt aus den Untiefen des Internets herausgefischt hat. Sie hat für die heute beiliegende Sondernummer "Im Netz" nach besonderen Beispielen für Hass und Verschwörungstheorien Ausschau gehalten und nicht lang suchen müssen. Die junge Journalistin ist auf Abgründe der menschlichen Psyche gestoßen. Peter Gnaiger hat die gruseligsten Zitate mit Aussagen des Journalisten Kurt Tucholsky relativiert und gleichzeitig bloßgestellt (Sonderbeilage Seite 22). Lesenswert.

Was ist in unsere Gesellschaft gefahren, dass sie solche Raserei nicht nur hervorbringt, sondern auch in Worte kleidet, veröffentlicht und damit millionenfach vervielfältigt, was sonst nur in dunklen Hinterzimmern abgesondert wird? War die Menschheit immer schon böse und nur die Technik nicht so weit, erbitterte Wut, ja Hass ungezügelt zu verbreiten? Müssen wir diese Schattenseite des Internets als Preis für dessen Segnungen, die es ja zweifellos gibt, in Kauf nehmen? Sind wir, die wir die Freiheit der Meinungsäußerung so hochhalten, an deren Grenzen gelangt? Und wo verlaufen die?

Fake News, Hass und Verschwörungstheorien im Netz sind keine zu vernachlässigenden Zeiterscheinungen mehr. Sie bedrohen unseren demokratischen Zusammenhalt. Sie sind ein Spaltpilz in unserer Gemeinschaft. Sie gefährden den konstruktiven Dialog. Ihre Fahnenträger tun das nicht mit of fenem Visier, wie sich das in einer offenen, diskursiven Gesellschaft gehört, sondern unter einer Tarnkappe.

Plattformen wie Facebook verstehen sich als logistischer Dienstleister. Sie stellen aus ihrer Sicht nur die Bühne dar. Was darauf aufgeführt werde, gehe sie nichts an, sagen sie. Und so werden neben vielen sinnvollen und nützlichen Stücken auch die bizarrsten Abstrusitäten aufgeführt. Die Betreiber der Plattformen lassen dies geschehen und sagen: Was die Leute da treiben, geht uns nichts an.

Das unterscheidet das Netz von den klassischen Medien. Sie sind klaren gesetzlichen Regeln unterworfen und müssen die Verantwortung für alle Inhalte, auch die ihrer Leserinnen und Leser, übernehmen. Das führt dazu, dass in den Leserbriefspalten gedruckter Medien Tiraden wie die eingangs erwähnte nicht veröffentlicht werden. Die anonymen Hassposter versuchen es auch gar nicht. Sie wissen, sie kommen mit ihren Ergüssen an der Qualitätskontrolle nicht vorbei. Für die SN gilt seit jeher: Kein Leserbrief ohne richtigen Namen und Adresse des Absenders. Anonym kommt nicht infrage. Wer eine Meinung hat, soll auch dazu stehen. Wer es nicht tut, sollte sie besser für sich behalten.

Wir werden diese Klarnamen-Strategie auch im Internet umsetzen. Mit der Erneuerung unseres Web-Auftritts in wenigen Wochen schaffen wir Pseudonyme endgültig ab. Das sind wir einer seriösen Debattenkultur schuldig. Wir sind eine Insel der Glaubwürdigkeit.

Fake News und das Postfaktische sind nichts Neues. Der Historiker Christopher Clark berichtet in seinem aufrüttelnden Werk "Die Schlafwandler", wie gezielt verbreitete Falschinformationen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschleunigt haben. Etwa 100 Jahre später sickern Lügengeschichten nicht langsam durch wie damals, sondern verbreiten sich in explo sionsartiger Geschwindigkeit.

Was kann man als Adressat von Hass und Lüge tun? Genau hinschauen. Die Quelle prüfen. Ist sie glaubwürdig? Lassen sich die vermeintlichen Fakten auch bestätigen? Wer dies tut, kann nicht mit billigen Sprüchen ("alternative Fakten") abgespeist werden. Die Vernebler und Verdreher der Welt, die Trolls, die in den Darkrooms des Netzes ihr Unwesen treiben, fürchten nichts mehr als kritische, aufgeklärte Bürger.

Aufgeräumt gehört mit der Ausrede, eine Shitstorm-Attacke sei unbedacht oder gar aus Spaß geritten worden. Diese Verharmlosung ist nicht zu tolerieren. Opfer von Netzangriffen sind extrem betroffen. Und sie sind so gut wie schutzlos. Das muss geändert werden. Den Heckenschützen muss die Tarnkappe entrissen werden. Die meisten von ihnen sind übrigens Männer, eigentlich bedauernswert, aber nicht ungefährlich. Wir dürfen ihnen keinen Platz für ihre Tiraden geben.

Aufgerufen am 26.09.2018 um 02:58 auf https://www.sn.at/politik/fake-news-hasspostings-und-das-postfaktische-324376

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