Im deutschen Wahlduell steigt die Spannung

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Politik | Innen- & Außenpolitk Helmut L. Müller

In Deutschland kommt die politische Szene aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die SPD schießt in den Meinungsumfragen nach oben, seitdem sie Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten gekürt hat. Er liegt im persönlichen Duell sogar schon vor Regierungschefin Angela Merkel, die anscheinend ernsthafte Konkurrenz erhält.

Die Union ist sichtlich nervös geworden. CDU und CSU demonstrieren Einigkeit, obschon sie in der Flüchtlingspolitik nach wie vor zerstritten sind. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warnt als graue Eminenz der Unionsparteien vor einem Aufstieg von Schulz, indem er den SPD-Herausforderer gar gleichsetzt mit Donald Trump, dem Präsidenten-Darsteller und Parade-Populisten. Schulz sei kein glaubwürdiger Kämpfer gegen das Establishment, heißt es.

Woher rührt aber der "Schulz-Effekt"? Auf der EU-Bühne hat der SPD-Politiker große Auftritte gehabt, in der deutschen Innenpolitik jedoch gilt er als frisches Gesicht. Schulz präsentiert sich, in Sprache und Stil, bürgernah; das hebt ihn ab von der oft spröden Kanzlerin. Indem er nach Maßnahmen gegen die wachsende soziale Ungleichheit ruft, gibt er der SPD neuen Mut. Bei der CDU-Chefin dagegen zeigt sich nach bald zwölf Jahren im Kanzleramt ein Abnützungs effekt. Von einer Merkel-Müdigkeit ist mittlerweile die Rede.

Doch Meinungsumfragen sind nur Momentaufnahmen. Bis zur Bundestagswahl sind es noch sieben lange Monate. Da kann noch viel passieren - zum Nachteil von Schulz, aber auch von Merkel. Diese Vernunft-frau ist schon mehrfach von politischen Männern unterschätzt worden.

Im Augenblick wächst beim Wahlvolk die Überzeugung, dass es Zeit für einen Wechsel sei. Aber für Schulz ist es schon ein arg ambitioniertes Ziel, die SPD zur stimmenstärksten Partei zu machen. Vor allem muss er sagen, mit welcher Koalition er den Machtwechsel in Berlin schaffen will. Traut sich die SPD wirklich, ein Bündnis mit Grünen und Linkspartei zu schließen? Und kann sie Rot-Rot-Grün einer Mehrheit der Wähler plausibel machen?

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