In Aleppo ist die Menschlichkeit gestorben

In Syrien tobt ein Konflikt mit mittelalterlicher Grausamkeit. Es geht um nichts - außer um Macht.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Martin Stricker

D em türkischen Präsidenten ist derzeit nur selten recht zu geben. Doch seine Einschätzung Syriens ist unbestreitbar. "Die Tragödie in Aleppo ist eine Schande für die Menschheit", betonte Recep Tayyip Erdo ğan. Vor den Augen der Welt finden Kriegsverbrechen statt, Tausende Menschen sind eingekesselt. Verletzte, ob Männer, Frauen oder Kinder, können nicht behandelt werden, weil Ausrüstung und Medikamente fehlen. Die Spitäler sind längst durch gezielte Luftangriffe der syrischen und russischen Luftwaffe zerstört.

Die Deportierung der Überlebenden ist ins Stocken geraten. Sie sollen in Gebiete gebracht werden, die noch von den Gegnern des Regimes von Baschar al-Assad kontrolliert werden - und die die nächsten Angriffsziele sind. Allein in Aleppo wird die Zahl der Toten auf mehr als 30.000 geschätzt, das entspricht etwa der Bevölkerung von Bregenz.

Ein Konflikt von mittelalterlicher Grausamkeit tobt. Seine Geschichte ist auch eine der Feigheit und Mutlosigkeit des Westens, eine der fehlenden Willenskraft und - im Fall der Europäischen Union - der fehlenden Mittel.

Es beginnt im März 2011. In Damaskus fordern Demonstranten friedlich ein "Syrien ohne Tyrannei". Auch in der Stadt Daraa im Süden kommt es zu Protesten. Das Assad-Regime fühlt sich in seiner Macht bedroht und schlägt zu. In Daraa sterben rund 100 Menschen. Doch die Demonstrationen enden nicht. Die Repression wird immer blutiger. Zu einem Zeitpunkt, als harte Diplomatie Assad noch hätte stoppen können, blockiert Russland den UNO-Sicherheitsrat und schützt das Regime vor Sanktionen und Druck. Der Westen zögert und zaudert. Im Sommer 2013 sterben nahe Damaskus 1400 Zivilisten bei einem Giftgasangriff. US-Präsident Barack Obama, der zuvor erklärt hatte, bei einem Einsatz derartiger Waffen wäre eine "rote Linie" überschritten, handelt nicht. Die leere Drohung beschädigt das Ansehen Amerikas nachhaltig und ermutigt Assad. 2015, als das Regime trotz aller russischen Rückendeckung vor dem Sturz steht, greift der Kreml militärisch auf dessen Seite ein. Mehr als 300.000 Menschen waren da bereits getötet, Millionen Syrer auf der Flucht. Im Chaos hatten sich islamistische Gruppen unter den Assad-Gegnern breitgemacht, im Osten Syriens fasste der IS Fuß.

Im Juli 2016 begann die Belagerung des seit vier Jahren von Rebellen gehaltenen Ost-Aleppo, ein Symbol für Sieg und Niederlage. Schiitische Milizen aus dem Iran, einem alten Verbündeten Syriens, tauchten auf. Russland Kampfjets bombardierten Wohngebiete und Rebellenstellungen. Am Donnerstag schließlich erklärte Baschar al-Assad seinen "Sieg" in Aleppo. Zu Ende ist das Töten damit nicht.

Doch worum geht es Russland und dem Iran in diesem Schlachthaus, zu dem sie das Land, das einst Syrien war, gemacht haben? Was ist wichtig genug, um über Leichenberge zu gehen, um so viel Tod und Leid mitzuverursachen?

Die Antwort ist einfach und abstoßend: Es ist nur das Streben nach Macht und ihrem Erhalt.

Wladimir Putin, Präsident einer unsicheren einstigen Weltmacht, muss imperiale Größe zeigen, um sich im Kreml zu behaupten. Der Lebensstandard in Russland ist im Sinkflug, die Wirtschaft verrottet, die Eliten sind korrupt, doch Putin nährt die Illusion der Anerkennung und des Respekts auf internationaler Bühne. Russland ist mächtig, lautet die Botschaft der Propaganda. Es nimmt sich, was es will. Die Halbinsel Krim, die Ost-Ukraine, Syrien - Russland wird wieder gefürchtet, Russland kann stolz sein, und Putin ist dafür der Garant. Wehe, er scheitert.

Und der Iran? Im Windschatten Moskaus fährt dieses Regime seine Ernte ein. Der Einflussbereich der schiitischen Regionalmacht, längst fest etabliert beim Nachbarn Irak, wächst nun über Syrien direkt an das Mittelmeer - eine bittere Niederlage vor allem für den Konkurrenten Saudi-Arabien, die Schutzmacht der Sunniten.

Mehr ist da nicht. Weder Russland noch der Iran, schon gar nicht Assad und seine Clique bieten ein politisches Programm, ein Modell oder Ideen. Bildung? Freiheit? Teilhabe? Gleichberechtigung? Wohlstand? Fehlanzeige. Es geht nur um pure Macht. Um die Macht einer Hand voll Männer, wohlgemerkt. Und dafür sterben Hunderttausende Unschuldige. Schon wahr: eine Schande für die Menschheit.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 05:42 auf https://www.sn.at/politik/in-aleppo-ist-die-menschlichkeit-gestorben-601120

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