In der Geiselhaft der Tunnelsanierer

Beinahe sechs Monate hat die technische Aufrüstung eines Autobahntunnels in Salzburg gedauert. Ein Beispiel für Bürgerpflanz.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Manfred Perterer

Der Tunnel Liefering in Salzburg ist der einzige auf der gesamten Westautobahn. Er hat nicht nur seinen Sinn, weil er die Anrainer vor zu großem Lärm schützt, sondern auch, weil er das seinerzeit unter Hitler von der Autobahn zerschnittene Dorf Liefering wieder zusammenfügte. Eine alles in allem gute Sache also.

Jetzt ist der Tunnel allerdings seit sechs Monaten Stein des Anstoßes für täglich 90.000 Autofahrerinnen und Autofahrer. Seit einem halben Jahr gilt hier, was auf nahezu allen anderen Straßenbaustellen in Österreich zu beobachten ist: wenig Bewegung. Kaum Gerät, kaum Personal, dafür rundherum viel Stau. Die Tunnelröhren von Liefering entwickeln sich zum Beispiel für abgehobenen Bürgerpflanz.

Der Ärger beginnt damit, dass der Tunnel überhaupt generalsaniert werden muss, obwohl er erst
15 Jahre alt ist. Grund ist, dass er genau 503 Meter lang ist und damit unter das von der EU initiierte Straßentunnelsicherheitsgesetz fällt. Ursprünglich hätte der Tunnel nämlich nur 450 Meter lang sein sollen, doch um Förderungen aus Brüssel zu bekommen, wurde er kurzerhand verlängert. Jetzt haben wir die Rache Europas.

Die unzumutbar lange Sanierungszeit von sechs Monaten richtet einen enormen volkswirtschaft lichen Schaden an. Rechnet man 90.000 Autos an Spitzentagen und einen durchschnittlichen Zeitverlust von 10 Minuten, so ergibt das 15.000 Stunden vergeudete Wartezeit. Rechnet man nur 20 Euro pro Stunde, so ergibt das einen Verlust 300.000 Euro am Tag. Um das Geld hätte man locker eine 24-Stunden-Baustelle bezahlen können.

Dazu kommt die ökologische Katastrophe. Die Landesregierung führt Tempo 80 aus Umweltschutzgründen ein. Doch sie verliert kein Wort darüber, dass der Staat mit einer vergleichsweise kleinen Baustelle Tempo null und damit ein Vielfaches an Schadstoffausstoß verordnet.

Der Gipfel kommt zum Schluss. Rund einen Monat lang soll der fertig sanierte Tunnel gesperrt bleiben, weil die neuen Sicherheitsanlagen geprüft werden müssen. Die mittlerweile abgestumpften Staubürger nehmen auch das ohne Aufstand hin. Erst langsam bauen, dann noch langsamer testen.

Am Donnerstag hat jemand Einsehen mit der staugeplagten Stadt. Nach einem halben Jahr wird sie aus der Geiselhaft der Tunnelsanierer entlassen. Die beiden Röhren werden heute, Freitag, wieder für den Verkehr geöffnet. Mit Einschränkungen.

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