Innenpolitik

1100 Flüchtlinge in Dauerquartieren der Erzdiözese Wien

Die Pfarren der Erzdiözese Wien haben seit Beginn der Flüchtlingsbewegung vor einem Jahr 1.100 Flüchtlinge in Dauerquartieren untergebracht. Das berichtete Rainald Tippow, Flüchtlingskoordinator der Erzdiözese Wien, bei einem Pressegespräch am Mittwoch, bei dem er über ein Jahr Flüchtlingshilfe in den Pfarren Bilanz zog.

250 von insgesamt rund 600 Pfarren im Gebiet der Erzdiözese Wien haben sich in der langfristigen Unterbringen von Flüchtlingen engagiert und Wohnräume in den Pfarrhöfen beziehungsweise angemietete Wohnungen zur Verfügung gestellt. Daneben gab es im vergangenen Jahr rund 50.000 Einzelunterbringungen in Not- und Transitquartieren. Derzeit sind laut Tippow noch rund 100 Flüchtlinge in Notquartieren der Erzdiözese untergebracht. Dabei handle es sich um Menschen, deren Verfahren sehr lange dauern, sowie um jene, die eine Rückkehrberatung in Anspruch nehmen.

Da sich die Situation normalisiert habe, hat Tippow das Amt des Flüchtlingskoordinators mittlerweile zurückgelegt. "Es war großartig, dass soviel getan wurde, aber ich hätte mir natürlich mehr gewünscht", sagte er in Bezug auf jene Gemeinden, die die Unterbringung von Flüchtlingen verweigerten.

Scharfe Kritik übte Tippow an der Politik: "Viele der Engagierten haben den Eindruck gehabt, dass sie von der verwaltenden Politik massiv allein gelassen worden sind." Auch einen Notstand "in einem der reichsten Länder der Welt" konnte Tippow nicht sehen: "Das Problem ist ein absolut schaffbares."

Schwierigkeiten hätten sich vor allem durch fehlende Deutschkurse und die mangelnde Anerkennung von Qualifikationen der Flüchtlinge ergeben: "Hier braucht es größere Flexibilität." Wünschenswert wäre etwa auch ein Arbeitsplatzcoaching, bei dem Flüchtlinge von einer Fachperson begleitet werden. "Hier baden Flüchtlinge die Versäumnisse der Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte aus", so Tippow.

Positiv habe er vor allem den Austausch zwischen den Kulturen erlebt: "Noch nie haben so viele Muslime christliche Gottesdienste mitgefeiert, Frauen mit Kopftuch im Kirchenchor mitgesungen, Christen am islamischen Fastenbrechen teilgenommen und Muslime in christlichen Haushalten Weihnachten mitgefeiert", sagte Tippow. Zu "vielfach herbeigeredeten Religionskonflikten" sei es dabei nicht gekommen, betonte er: "Es gab keine Diskussionen über Kreuze, kein einziger syrischer Vater hat einen Kindergartenplatz in einem katholischen Kindergarten abgelehnt."

Den Wunsch von Muslimen, zum christlichen Glauben zu konvertieren, habe es nur vereinzelt gegeben. Die Zahl der Taufinteressierten sei dennoch ungefähr auf das Doppelte angestiegen, erklärte der Sprecher der Erzdiözese, Michael Prüller. Etwa fünf bis zehn Menschen würden sich wöchentlich bei entsprechenden Stellen danach erkundigen. Dabei handle es sich zum Großteil, aber nicht ausschließlich um Flüchtlinge: "Das ist kein Massenphänomen." 42 Flüchtlinge hätten am Taufzulassungsgottesdienst teilgenommen.

Bedeutend für das Gelingen der Integration hält Tippow, dass früh Grundregeln zum Zusammenleben in Österreich, wie die Gleichstellung der Geschlechter, die Religionsfreiheit und die Strafbarkeit von Gewalt in der Familie, vermittelt werden. Daher begrüße er die Einführung der "viel gescholtenen Wertekurse", auch wenn die Wertevermittlung am besten durch das Zusammenleben geschehe.

Quelle: APA

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