Innenpolitik

Ärzte brechen Teilnahme am Pilotversuch zur E-Medikation ab

Die Differenzen zwischen Ärztevertretern und Sozialversicherung um die E-Medikation eskalieren. Am Freitag gab die Ärztekammer Steiermark bekannt, dass die Ärzte in Deutschlandsberg aus dem dortigen Pilotversuch aussteigen. Das Projekt sei unausgereift, man habe kein Vertrauen mehr in den Hauptverband der Sozialversicherungsträger, hieß es. Vom Hauptverband kam Kritik.

Ärzte brechen Teilnahme am Pilotversuch zur E-Medikation ab SN/APA/ROBERT J?GER
Symbolbild.

"Den Ärzten im Bezirk Deutschlandsberg, die freiwillig und ohne jegliche Gegenleistung viel Zeit in den Pilotversuch 'E-Medikation' gesteckt haben, reicht es", hieß es. Der Pilotversuch sei von Anfang an von Problemen begleitet gewesen. Teilweise habe die Kompatibilität der E-Medikations-Applikation mit der Ärztesoftware nicht hergestellt werden können, argumentieren die Ärztevertreter. Es habe Ausfälle und erhebliche Zeitverzögerungen gegeben.

Wie viele der Ärzte der Ausstieg tatsächlich betrifft, blieb vorerst offen. Während die steirische Ärztekammer generell vom Abbruch der Teilnahme schrieb, war in einer Aussendung der Bundes-Ärztekammer vom Ausstieg "nahezu aller Ärzte" die Rede. Zuletzt waren nach Angaben des Hauptverbands noch 19 niedergelassene Mediziner beteiligt, angemeldet hatten sich Ende Mai ungefähr 30.

Teilnehmer hätten darüber geklagt, dass die E-Card-Gesellschaft der Sozialversicherung, die SVC, diese Probleme nicht lösen habe können, hieß es in der Aussendung. "Stattdessen schob sie den freiwillig am Pilotprojekt Teilnehmenden die Schuld am Versagen der E-Medikations-Applikation zu." Kritisiert wurde hier vor allem Hauptverbands-Vizegeneral und SVC-Geschäftsführer Volker Schörghofer.

Dieser habe in einer Pressekonferenz des Hauptverbands am Dienstag zum "Rundumschlag" gegen die Ärzte ausgeholt und ihnen vorgeworfen, in der EDV-Steinzeit zu arbeiten, so der Vorwurf der steirischen Ärztekammer. Schörghofer hatte bei dem Termin vor Journalisten tatsächlich von "Steinzeit" gesprochen, dies jedoch lediglich auf jene Minderheit unter den Ärzten gemünzt, die ihren PC "zehn Jahre nicht upgedatet" hätten und sich nicht um aktuelle Hard- und Software kümmerten. Bei diesen laufe die Software zur E-Medikation nicht, bei 94 Prozent der Ärzte mit E-Card-System im Bezirk Deutschlandsberg aber sehr wohl, so Schörghofer damals.

Kammer-Chef Herwig Lindner zeigte jedenfalls Verständnis für die Entscheidung der Kollegen (und zwar aller im Bezirk betroffenen, wie der APA versichert wurde): "Die Ärzte arbeiten in der EDV-Realität, der sich die EDV-Traumwelt der SVC nicht anpassen kann oder will." Das mache die Fortführung des Pilotversuchs sinnlos. Eine Erkenntnis habe man daraus schon gewonnen: "Die E-Medikation funktioniert noch nicht."

Lindner betonte, dass er eine technisch einwandfreie, Funktionalität und Sicherheit gewährleistende E-Medikation grundsätzlich für durchaus sinnvoll halte, und so denke auch die überwiegende Zahl der Ärzte. "Aber wenn das System nicht funktioniert, muss es zurück in die Fabrik." Die E-Medikation könne angesichts der begrenzten Zahl von Ärztesoftware-Herstellern dort getestet und funktionstauglich gemacht werden. Zusätzlich forderte er, vorab die Finanzierung der E-Medikation zu klären.

Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) sah in einer Aussendung alle ihre Vorbehalte gegenüber dem "an sich sinnvollen, aber völlig unausgereiften Projekt" bestätigt. "Dass ein an sich wichtiges Projekt zur Förderung der Patientensicherheit an der geradezu fahrlässigen Inkompetenz des Hauptverbands scheitert, ist traurig", so der Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der ÖÄK, Johannes Steinhart. Einen Wiedereinstieg könne es geben, sobald die technischen Probleme und die Finanzierung geklärt seien.

Die Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Ulrike Rabmer-Koller, zeigte sich am Freitag unglücklich über die Ankündigung der Ärztekammer. Ein Ausstieg wäre "ein unverantwortlicher Schritt in die falsche Richtung", erklärte sie. Die Kammer solle konstruktiv mitarbeiten statt zu blockieren.

Patienten in ganz Österreich warteten auf die E-Medikation, die negative Wechselwirkungen bei der Medikamenteneinnahme verhindern könne und den Versicherten sowie den behandelnden Medizinern und Apothekern gewaltige Vorteile bieten werde. "E-Medikation schützt Menschenleben und das Wohl unserer Patienten - nichts anderes darf im Zentrum unserer gemeinsamen Bemühungen stehen", so Rabmer-Koller.

"Wir dürfen keine Verschlechterung der Patientensicherheit und einen unverantwortlichen Rückschritt in der medizinischen Versorgung zulassen", meinte sie weiter. Die technische Basis der E-Medikation funktioniere, und seitens der teilnehmenden Ärzteschaft habe es bisher durchwegs positives Feedback gegeben. "Wieso die Ärztekammer nun mit Kritik am System ausrückt, ist mehr als unverständlich, zumal sie eingeladen ist, konstruktiv mitzuarbeiten, anstatt nur zu blockieren", sagte Rabmer-Koller.

Das Gesundheitsministerium appellierte an alle Beteiligten, zu deeskalieren und zu einem geregelten Projektbetrieb zurückzukehren. Sektionschef Clemens Martin Auer betonte gegenüber der APA, dass der österreichweite Rollout erst dann kommen werde, wenn dieses IT-Projekt fertig und getestet sei.

"Ich stelle mich da vor die Ärzte", sagte Auer. Die E-Medikation könne erst dann bundesweit eingeführt werden, wenn die niedergelassenen Mediziner mit ihrer Ordinationssoftware problemlos damit arbeiten könnten. Noch sei man allerdings im Probebetrieb - dieser laufe gut, sei aber eben dafür da, noch vorhandene Probleme zu beheben.

Dass es der Ärztekammer mit ihrem Widerstand nur ums Geld gehen könnte, ließ Auer nicht gelten. "Das stimmt nicht." Über eine Anschubfinanzierung sei man ohnehin in Gesprächen.

Der Pilotversuch hätte mit dem heutigen 30. September auslaufen sollen. Kürzlich hatte die Sozialversicherung eine Verlängerung bis 30. November verkündet. Unmittelbar danach hätte der Steiermark- und später österreichweite Rollout erfolgen sollen. Das Gesundheitsministerium hatte dies allerdings von der Zustimmung aller Beteiligten - und damit auch der Ärzte - abhängig gemacht.

Quelle: APA

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