Innenpolitik

Anschlag in Wien: 21 potenzielle Mittäter, eine Spur führt nach Italien

Ein in Varese lebender und wegen Urkundenfälschung verhafteter Tschetschene soll Kontakt zur selben Gruppe Ex-IS-Kämpfer gehabt haben wie der Wiener Attentäter. Die Vernehmung des 35-Jährigen steht noch aus.

Polizeieinsatz in Wien nach dem Terroranschlag am 2. November. SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Polizeieinsatz in Wien nach dem Terroranschlag am 2. November.

60 Zeugenvernehmungen, 20 Hausdurchsuchungen, 300 Hinweise abgearbeitet, 16 Festnahmen, Ermittlungen gegen 21 potenzielle Mittäter: Elf Tage nach dem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt lieferten Polizei und Staatsanwaltschaft am Freitag einen bisherigen Tätigkeitsbericht ab. Daraus ging ebenfalls hervor, dass noch viel zu tun ist.

Immer noch nicht geklärt ist etwa, wie der 20-jährige Attentäter in die Wiener Innenstadt gelangte. "Wir können aber mittlerweile ausschließen, dass er mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren ist", sagte Michael Lohnegger, Leiter der am Mittwoch ins Leben gerufenen Ermittlungsgruppe "2. November", die zum Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung gehört. Dieser Einheit gehören nebst Ermittlern auch Analytiker, Forensiker und Techniker an.

Lohnegger erklärte auch: Bei den Waffen, die der Attentäter bei seinem Anschlag genutzt hatte, handelt es sich um ein Sturmgewehr. Dieses hat laut den Ermittlungen eine Lizenzfertigung einer AK47 mit Kaliber 7,62 mal 39 Millimeter (Anm.: 7,62 mm entspricht dem Durchmesser des Projektils, die 39 mm beziehen sich auf die Länge der Patronenhülse).

Das Gewehr soll in Serbien hergestellt worden sein, Teile der Munition sollen aus China stammen. Bei der Faustfeuerwaffe handelt es sich um eine halbautomatische Pistole Tokarew mit dem Kaliber 7,62 x 25 Millimeter. Die Munition wurde laut den Ermittlungen in Serbien hergestellt. Wie der Täter an die Waffen kam, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. "Wir sind derzeit dabei zu ermitteln, welche Wege diese Schusswaffen genommen haben", sagte Lohnegger.

Tschetschene in Varese verhaftet

Bei den bisher ausgeforschten 21 Beschuldigten handle es sich um Personen im Alter von 16 bis 28 Jahren, gab Staatsanwältin Nina Bussek bekannt. Diese stammten aus den Ländern Österreich, Nordmazedonien, Kosovo und Bangladesh. "Es gibt aber auch noch nicht ausgeforschte Beschuldigte", ergänzte Bussek.

In der Zwischenzeit scheint es eine neue Spur zu geben, die nach Italien führt. Wie die Tageszeitung "Corriere della Sera" berichtete, hatte ein in Varese lebender Tschetschene Kontakte zu einer Gruppe ehemaliger IS-Kämpfer, mit denen auch der Wien-Attentäter in Verbindung stand. Der 35-Jährige war von Anti-Terror-Einheiten der lombardischen Stadt wegen Dokumentenfälschung festgenommen worden. Auch Waffenhandel wird nicht ausgeschlossen. Seine Vernehmung soll in den kommenden Tagen über die Bühne gehen.

Die italienische Staatsanwaltschaft ermittelt bereits seit sechs Monaten gegen den Tschetschenen. Die "The Caucasian Job" genannte Untersuchung war eingeleitet worden, nachdem die österreichischen Geheimdienste berichtet hatten, dass der Tschetschene Mitglied einer fundamentalistischen Gruppe war, die angeblich 2019 einen Anschlag in Wien über die Weihnachtsfeiertage plante.

Erzbischof zündet Kerze am Tatort an

Chefermittler Michael Lohnegger wollte dazu aus ermittlungstaktischen Gründen nichts sagen. Fix sei jedenfalls, dass "die unmittelbare Tat definitiv von einer Person begangen wurde". Lohnegger betonte, dass man bezüglich weiterer Erkenntnisse zum Attentat Geduld haben müsse. "Es gibt chemische Untersuchungen, da kann es zwei bis drei Wochen dauern, bis Ergebnisse da sind."

Unterdessen besuchte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Salzburgs Erzbischof Franz Lackner, die Tatorte des Terroranschlags und entzündete eine Kerze für die Opfer. "Wenn einem beim Beten die Worte fehlen, dann ist man froh, dass es dieses Zeichen gibt." Lackner sagte, er "sehe grundsätzlich, dass eine Gewalt auf uns zugekommen ist, auf die wir angemessen antworten müssen".

Die Pressekonferenz in voller Länge:

Quelle: SN

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