Innenpolitik

Antisemitismus ist in Österreich noch immer verbreitet - und wird auch importiert

Es gibt einen harten Kern an judenfeindlich Gesinnten in Österreich. Größer ist der Anteil unter den Türkisch- und Arabischsprechenden.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka. SN/APA/HERBERT PFARRHOFER
Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka.

Die erste wirklich große Studie über Antisemitismus in Österreich liegt vor. In Auftrag gegeben vom Parlament, fasste Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) das Ergebnis am Freitag so zusammen: Die "tot geglaubte Geißel" Antisemitismus sei immer noch ein Problem in Österreich, auch wegen des "islamistischen Terrors der letzten Jahre".

Wie die von Ifes, demox research und Braintrust erstellte Studie ergab, liegt der harte Kern an judenfeindlich Gesinnten bei etwa zehn Prozent, bei 30 Prozent zeigt sich ein latenter Antisemitismus. Befragt wurden 2128 Personen, die repräsentativ für die österreichische Bevölkerung stehen.

Zusätzlich wurden 302 türkisch- sowie 301 arabischsprechende Mitbürger befragt, ihre Antworten eigens untersucht. Und hier zeigten sich zum Teil massive Abweichungen - Thomas Stern von Braintrust sprach von einem "besorgniserregenden antisemitischen Potenzial", das zu einem beachtlichen Teil aus der alten Heimat importiert werde. Beide Gruppen stimmten vier Mal so häufig der Aussage zu, schon nach wenigen Minuten zu erkennen, ob ein Mensch Jude ist. Bis zu vier Mal so stark stimmten sie auch der Aussage zu, in den Berichten über Konzentrationslager und Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs werde vieles übertrieben dargestellt. Mehr als doppelt so stark verbreitet wie unter den repräsentativ für die Bevölkerung Befragten ist unter den Türkisch- und Arabischsprechenden die Ansicht, es sei nicht nur Zufall, dass Juden in ihrer Geschichte so oft verfolgt wurden; sei seien zum Teil auch selbst schuld daran.

Sobotka betonte mehrmals, dass es nicht darum gehe, "Schuldige zu suchen, Sündenböcke zu finden oder Ängste zu befleißigen". Antrieb, die Studie in Auftrag zu geben, sei vielmehr gewesen, dank solider Daten geeignete Gegenstrategien zu entwickeln. Darüber will er nun mit den Religionsgemeinschaften und den Bundesländern sprechen. Für zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Antisemitismus will er einen Simon-Wiesenthal-Preis ausloben. Und auch die Demokratiewerkstatt des Parlaments wird sich etwas überlegen.

Die gute Nachricht: Seit den 1980-Jahren hat der Antisemitismus in Österreich stark abgenommen. In der Studie gab es die stärksten Zustimmungsraten nicht etwa zu Aussagen, die antisemitische Vorurteile bedienten, sondern zu Aussagen wie diesen: Juden haben viel zum kulturellen Leben in Österreich beigetragen (56 Prozent). Im Wesentlichen bestätigt hat sich die These, dass Bildung die stärkste Waffe gegen Antisemitismus ist.

Aufgerufen am 20.03.2019 um 10:49 auf https://www.sn.at/politik/innenpolitik/antisemitismus-ist-in-oesterreich-noch-immer-verbreitet-und-wird-auch-importiert-67315366

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