Innenpolitik

Ausbildungspflicht: Schulabbrecher werden kaum erreicht

21.000 Österreicher zwischen 15 und 17 Jahren haben derzeit maximal einen Pflichtschulabschluss.

Ausbildungspflicht: Schulabbrecher werden kaum erreicht SN/APA (dpa)/Daniel Reinhardt
Schulunterricht (Symbolbild).

Der Großteil dieser frühen Bildungsabbrecher wird derzeit vom formalen Bildungssystem nicht erreicht, zeigt eine Studie im Auftrag mehrerer Ministerien: Nur 13 Prozent von ihnen beginnen innerhalb von zwei Jahren wieder eine Ausbildung. Die neue Ausbildungspflicht bis 18 soll hier gegensteuern.

Ziel der Anfang August in Kraft getretenen Ausbildungspflicht ist es, dass die Jugendlichen etwa eine Lehre bzw. mittlere oder höhere Schule abschließen bzw. Vorbereitungsmaßnahmen wie diverse Kurse oder Schulungen absolvieren. Die Pflicht gilt aber erst für Jugendliche, die frühestens mit Ende des Schuljahres 2016/2017 ihre allgemeine Schulpflicht erfüllt haben.

Derzeit gelten rund sieben Prozent der 15- bis 17-Jährigen als frühe Bildungsabbrecher, haben also entweder nach der Pflichtschule keine weitere Ausbildung begonnen oder diese schon wieder abgebrochen.

Besonders viele Bildungsabbrecher produzieren dabei die Sonderschulen, wo Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen ebenso überrepräsentiert sind wie benachteiligte Migrantengruppen und Minderheiten. "Sonderschülerinnen und Sonderschüler sind bis zu einem gewissen Grad automatisch frühe Bildungsabbrecher, weil ihnen außer der Lehre nicht viel anderes übrig bleibt.

Und dort nimmt man lieber jemanden, der eine HTL abgebrochen hat als jemanden, der aus der Sonderschule kommt", so Studienautor Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien (IHS) im Gespräch mit der APA. Das untermauern Daten des Nationalen Bildungsberichts 2015: In der Hälfte der Sonderschulen sind mindestens 85 Prozent frühe Bildungsabbrecher - nicht einmal ein Sechstel der Schüler wechselt in eine weiterführende Schule, weil sie das mit einem Abschluss nach Sonderschullehrplan auch gar nicht dürfen.

Die duale Ausbildung hat zwar eine stark integrierende Wirkung, aber relativ häufig produziert auch die Lehre frühe Bildungsabbrecher: 25 Prozent machen sie nicht fertig und fangen danach keine weitere Ausbildung an. "Ohne wahnsinnig kostenintensive Maßnahmen" vermeidbar wäre dabei laut Steiner allerdings der Umstand, dass jeder zehnte Lehrling die Lehre zwar beendet, aber nicht zur Abschlussprüfung antritt.

Derzeit müssten diese Jugendlichen einen formalen Hürdenlauf hinter sich bringen, um später zur Abschlussprüfung antreten zu können.

Momentan befinden sich insgesamt 16.000 Jugendliche zwischen 15 und 17 in keiner bestehenden Aus- oder Weiterbildungs-Maßnahme. Fast die Hälfte dieser Jugendlichen (45 Prozent) fällt laut der Erhebung in jene Problemgruppe, die mit den vorhandenen Angeboten (formales Bildungssystem, aber auch Erwachsenenbildung wie Kurse zum Nachholen des Hauptschulabschlusses, Berufsreifeprüfung) auch nur schwer erreichbar sind.

Entscheidend für den Erfolg der Maßnahme sei dabei, dass sie nicht nur zu einer Verlängerung der Schulpflicht von 15 auf 18 Jahre führe, betont Steiner. Die Jugendlichen müssten auch die Möglichkeit bekommen, Ausbildungen oder Abschlüsse etwa im Bereich der Erwachsenenbildung nachzuholen. "Dort wird mit ganz anderen pädagogischen Ansätzen gearbeitet, man ist dort der Schule im Umgang mit Personen mit Lernschwierigkeiten oder schlechteren Startvoraussetzungen um Längen voraus." Dazu komme, dass manche Jugendliche wegen der starken Selektion und Defizitorientierung des Schulsystems auch ganz bewusst nicht dorthin zurückwollen.

Vor allem an Angeboten für Jugendliche, die sich schon weit vom System entfernt haben, mangelt es derzeit laut Steiner: Da brauche es relativ zwangfreie Angebote, über die die Jugendlichen sich in ihrem eigenen Tempo wieder in das System integrieren können. "Bei uns gibt es nur: 100 oder 0, aber ein Reinwachsen ist derzeit nicht vorgesehen."

Noch wichtiger als weitere Kompensationsmaßnahmen zu entwickeln wäre es allerdings laut Steiner, das Schulsystem weniger selektiv zu gestalten. Er fordert eine grundsätzliche pädagogische Reform, damit im System nicht mehr die Mängel der Schüler, sondern deren Fähigkeiten im Zentrum stehen. "Die Jugendlichen wissen in der Regel mit 14, 15 Jahren wesentlich besser, was sie nicht können als was sie können." Steiner plädiert dafür, dass es in den einzelnen Fächern nur noch für alle verpflichtende Mindeststandards geben soll. Darüber hinaus sollen die Schüler ihr Wissen je nach ihren Talente vertiefen können.

Quelle: APA

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