Innenpolitik

Boykottüberlegungen rücken Deutschklassen wieder in Fokus

Mit einer neuen "Plattform zur schulautonomen Umsetzung von Sprachfördermaßnahmen" protestieren Pädagogen, Sprachwissenschafter und Elternvertreter gegen die ab Herbst vorgeschriebene Einführung von Deutschförderklassen. Einzelne Wiener Direktoren überlegen sogar, wie sie die Maßnahme umgehen können und ernten damit Kritik von den Regierungsparteien und Beifall von der Opposition.

Deutschklassen machen nicht überall Sinn SN/APA (Symbolbild/dpa)/Sebastian K
Deutschklassen machen nicht überall Sinn

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) hingegen sieht für gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen "derzeit eigentlich keine Legitimation und Notwendigkeit". Er verwies darauf, dass man "einen offiziellen Konsultationsmechanismus ganz im österreichischen sozialpartnerschaftlichen Sinne begonnen" habe. "Ich würde jetzt nicht Öl ins Feuer gießen. Wir sind auf einem guten Weg."

Kinder, die dem Unterricht nicht ausreichend folgen können, werden künftig als sogenannte außerordentliche Schüler eingestuft und sollen für maximal vier Semester in eine eigene Deutschförderklasse kommen. Dort wird dann in 15 bis 20 Wochenstunden nach eigenem Lehrplan Deutsch unterrichtet - für Gegenstände wie Zeichnen, Musik oder Turnen werden die Kinder dann aber altersgemäß den normalen Regelklassen zugeteilt. Einschränkung: Die Klassen werden erst ab acht Schülern pro Standort eingerichtet. Besuchen müssen sie außerdem nur jene Kinder, die in der ersten Schulstufe aufgenommen wurden, oder gerade in Österreich angekommene Quereinsteiger ins Schulsystem.

Die Plattform wehrt sich vor allem gegen den Zwang zur Einrichtung der Klassen. Wesentlich sinnvoller sei es, die Schulen selbst über die konkrete Ausgestaltung der Sprachfördermaßnahmen entscheiden zu lassen. "Wir werden versuchen, Möglichkeiten zu finden, die den Kindern gerecht werden", kündigte die Leiterin der Volksschule Vereinsgasse in Wien-Leopoldstadt, Gabriele Lener, an. "Wir hoffen, dass unsere gewerkschaftliche Vertretung uns unterstützt, wenn wir Dinge tun müssen, die das Gesetz vielleicht nicht so vorsieht."

Die Pädagogen machen geltend, dass Sechsjährige Deutsch nicht durch Vokabel-Pauken in einer gemeinsamen Klasse mit anderen nicht-deutschsprachigen Kindern lernen würden, sondern vor allem durch die Interaktion mit deutschsprachigen Schülern als Vorbilder. Darüber hinaus drohe durch die reine Konzentration auf das Deutschlernen der Verlust des Anschlusses in den anderen Fächern. Die Direktoren monieren außerdem organisatorische Probleme bei der nötigen Gruppeneinteilung und fehlende Vorgaben wenige Wochen vor Schulschluss.

Wenig Freude mit den Boykottüberlegungen haben die Regierungsparteien: "Es kann nicht sein, dass sich Lehrer gegen eine gesetzliche Regelung sträuben", so ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer. Für "völlig inakzeptabel" hält das auch FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus. Beide sahen Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) in der Pflicht. Dieser äußerte gemeinsam mit Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer (SPÖ) zwar "großes Verständnis" für die Kritik der Direktoren, stellte aber klar, "dass unsere Schulen bestehende Gesetze einhalten müssen - das gilt auch für das Gesetz über die Deutschförderklassen".

Unterstützung für die Lehrer kommt von den Oppositionsparteien: SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid sieht in einer Aussendung "bestätigt, wovor wir immer gewarnt haben: Das Konzept ist völlig unausgegoren, die Organisation der Klassen und der Stundenpläne ist ungeklärt und viele Schulstandorte wissen nicht, wie sie die gesetzlichen Vorgaben umsetzen sollen." NEOS-Klubobmann Matthias Strolz sieht die Plattform als eine jener "Initiativen, die wir brauchen und die ich mir für unser System wünsche". Auch Stephanie Cox, Bildungssprecherin der Liste Pilz, äußerte sich ähnlich: Die Regierung bekomme nun "die Rechnung für ihr beratungsresistentes Handeln präsentiert".

Kritik an der organisatorischen Umsetzung der Deutschklassen hatte Ende Mai auch die Lehrer-Gewerkschaft geübt. Mitte der kommenden Woche gibt es dazu ein Gespräch der Lehrervertreter mit dem Bildungsministerium.

Quelle: APA

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