Innenpolitik

Bünker sieht in eigener Kirche ständigen Reformbedarf

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker sieht auch Reformbedarf in der eigenen Kirche. So solle man sich weniger mit sich selbst beschäftigen, sagte er im APA-Interview anlässlich des Reformationsjubiläums. Papst Franziskus sei bereits als Person an sich eine versöhnliche Geste der römisch-katholischen Kirche. Mit den gesetzlichen Bedingungen für seine Kirche ist er rundum zufrieden.

Bünker sieht in eigener Kirche ständigen Reformbedarf SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B..

"Ecclesia semper reformanda" ("Die Kirche ist immer zu reformieren") - der evangelische Leitsatz gilt für Bünker auch 500 Jahre nach der Reformation. "Ich hoffe, dass das nicht nur eine leere Reformhülse bleibt und das auch umgesetzt wird", hofft der lutherische Bischof. Immerhin habe man auch in den vergangenen Jahrzehnten viel bewegt: "1965 wurde die Frauenordination eingesetzt, das ist noch gar nicht so lange her. Und heute ist das selbstverständlich." Auch die ökumenische Zusammenarbeit könnte laut Bünker noch deutlich verbessert werden.

Das persönliche Anliegen des Bischofs: "Ich denke, dass man viel weniger binnenkirchlich agieren und kommunizieren müsste. Dass dies gelänge, wäre wirklich ein reformatorisches Anliegen." Während manche Menschen durch die Gepflogenheiten in der evangelischen Kirche angesprochen werden, fühlten sich ebenso viel ausgeschlossen. "Manchmal spricht man von einer Milieugefangenheit der Kirche", so Bünker. Die Kirche müsse sich immer fragen: "Entsprechen wir dem Anspruch unserer Ursprünge und kommen wir unserer Bestimmung nach, für diese Welt da zu sein?"

Rund 325.500 Mitglieder zählen die drei evangelischen Kirchen in Österreich derzeit. Damit liegt die viertstärkste Religionsgemeinschaft hinter den Katholiken, den Muslimen und den orthodoxen Christen. "Am stärksten wächst die Gruppe jener Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören", gibt Bünker zu bedenken, aber: "Das muss uns nicht erschrecken. Wir verstehen uns ja als Diaspora, als ausgestreut im Ackerfeld der Welt. Als eine Minderheit, die versucht, ihren Beitrag für das Zusammenleben im ganzen zu leisten."

Keinen Reformbedarf sieht der lutherische Bischof für die juristische Grundlage der evangelischen Kirchen in Österreich, das Protestantengesetz von 1961. Dieses habe auch die Maßstäbe für das Israelitengesetz sowie das - teils umstrittene - Islamgesetz gesetzt. "Grundsätzlich muss man sagen, dass eine gesetzlich anerkannte Religionsgemeinschaft auf dem Basisgrundrecht der Religionsfreiheit natürlich das Recht hat, öffentlich, gemeinsam und sichtbar die Religion darzustellen", meint Bünker im Hinblick auf Moscheenbau und Kopftuch.

"Interessant" findet der Bischof das Urteil zum Karfreitag, dem höchsten evangelischen Feiertag. Das Oberlandesgericht Wien (OLG) war zum Schluss gekommen, dass die Regelung gegen die EU-Gleichbehandlungsrichtlinie verstoße, da an diesem Tag nur einzelne Gruppen dienstfrei hätten. "Bemerkenswert" findet Bünker die Tatsache, dass der Kläger, der auf Feiertagszuschlag pocht, konfessionslos ist. Am Ende werde der Europäische Gerichtshof abwägen müssen, ob hier das Diskriminierungsverbot oder der Minderheitenschutz greife.

Erfreuliche Gesten sieht Bünker vonseiten der katholischen Kirche, insbesondere durch Papst Franziskus. Etwa, dass dieser ausgerechnet am kommenden Reformationstag einen ökumenischen Wortgottesdienst in Schweden abhalten will. Gemeinsam will man dabei unter anderem das Bedauern darüber ausdrücken, was sich die Konfessionskirchen im Laufe der Geschichte angetan haben. "Europa wäre nicht der säkulare Verfassungskontinent geworden ohne die grausame Erfahrung der Konfessionskriege", meint der lutherische Bischof dazu.

Auch den gemeinsamen Auftrag für die Zukunft wollen die christlichen Kirchen in Schweden ansprechen. "Das halte ich auch für einen wichtigen Schritt", findet Bünker und weiter: "Da ist Papst Franziskus sicher jemand, dem die Evangelischen sehr nahe sind."

Die Einführung von Erbschafts- bzw. Vermögenssteuern statt weniger Mindestsicherung würde der lutherische Bischof Michael Bünker lieber sehen. "Ich denke, man könnte die Frage der sozialen Gerechtigkeit bei den obersten vier Prozent ansetzen", sagte er im APA-Interview. Das Geburtshaus Adolf Hitlers würde er nicht abreißen. Zudem wehrt er sich gegen die Vereinnahmung von Religion im Wahlkampf.

"Die Mindestsicherung ist, wie der Name sagt, eine Mindestsicherung", hält Bünker fest. "Empörend" ist für den Bischof daher, "dass man gerade dort die Frage der sozialen Gerechtigkeit austragen will, wo es sich um die Schwächsten handelt. Und das halte ich wirklich für eine sehr bedenkliche Entwicklung für das soziale Klima bei uns." Lieber würde Bünker in der Frage der sozialen Gerechtigkeit bei jenen vier Prozent der Bevölkerung ansetzen, die 50 Prozent des Vermögens besitzen und eine Erbschafts- und Vermögenssteuer einführen - "aber das geschieht nicht".

In der Flüchtlingspolitik übt der Bischof zwar viel Kritik, muss aber anmerken: "Das was Österreich im vergangenen Jahr geleistet hat, ist großartig" Helfer - auch in den evangelischen Gemeinden - müssten sich jedoch zunehmend für Engagement rechtfertigen und würden sogar beschimpft. Bünker: "Ich denke mir, die Politik könnte auch deutlicher hinter diesen Menschen stehen und nicht einseitig versuchen, die Ängste und Sorgen, die es natürlich auch gibt, dann in zum Teil fragwürdige politische Maßnahmen umzusetzen."

Wie auch in der römisch-katholischen Kirche der Fall, würden Asylwerber auch versuchen, zur evangelischen Kirche zu konvertieren. "Wir sind da sehr zurückhaltend und betreiben das jetzt nicht wirklich aktiv", berichtet Bünker, "weil das ja auch oft in Zusammenhang mit laufenden Asylverfahren steht". Das Vorgehen sei ökumenisch abgestimmt, es gelte eine einjährige Frist vom Wunsch bis zum Vollzug des Beitritts oder der Taufe. Hauptsächlich Asylwerber aus Iran und Afghanistan würden sich an die evangelische Kirche wenden, so der Bischof.

Verärgert zeigt sich der Bischof, was die politische Diskussion um sogenannte "Ein-Euro-Jobs" für Flüchtlinge betrifft. "Ein Euro, zwei Euro, fünf - man darf das gar nicht wirklich ernst nehmen", ärgert sich der Bischof. Bereits jetzt dürften Menschen in der Grundversorgung bis zu 110 Euro im Monat dazuverdienen. Bünker: "Das sollen doch die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen entscheiden, wie sie das machen. Da brauche ich keine Diskussion, ob ein Euro oder 2,50 angemessen sind. Nichts davon ist angemessen."

Ein wichtiges Mittel zur Integration und Armutsbekämpfung ist für Bünker Bildung. In diesem Bereich freut er sich zwar über die jüngsten Fortschritte in der Regierung, gibt aber zu bedenken: "Ist damit schon der entscheidende Schritt getan? Der müsste doch sein, dass man in Österreich dort ansetzt, wo Lebenschancen durch Bildung vererbt werden." Konkret meint der lutherische Bischof etwa mehr ganztägige Schulformen mit verschränktem Unterricht sowie mehr proportionale Förderungen von Schulen in strukturschwachen Gebieten.

Zur jüngsten Studie über die Radikalisierung von Jugendlichen in Wien rät Bünker zur Vorsicht. Einerseits zeige diese zwar Ergebnisse, auf die man reagieren müsse. Andererseits seien vorwiegend Jugendliche aus armen Verhältnissen befragt worden, darunter verhältnismäßig viele junge Burschen. "Das ist eine Gruppe in unserer Gesellschaft, die wenig Zukunftschancen hat, die in beengten Verhältnissen aufgewachsen ist", meint der Bischof und rät, auch muslimische Jugendliche aus anderen Schichten zu beachten.

In der Debatte um die Zukunft des Geburtshauses von Adolf Hitler im oberösterreichischen Braunau vertritt Bünker die Meinung der Expertenkommission und meint: "Nicht abreißen!" Der lutherische Bischof spricht sich stattdessen für die Einrichtung einer "beeindruckenden, guten Sozialeinrichtung" in dem Gebäude aus. Auch die evangelische Kirche hat in der jüngsten Zeit ihre umstrittene Rolle in der Nazi-Diktatur aufgearbeitet.

Wer dem großen Reformationsempfang in einem Jahr zum Jubiläum als Bundespräsident beiwohnen wird, ist für Bünker offen: "Das ist eine Entscheidung, die jetzt am 4. Dezember, endlich fallen wird. Wie es ist, ist es. Gleichzeitig weist der Bischof alle Versuche, Religion in den Wahlkampf zu ziehen, als unangemessen zurück. Bünker: "Gott hat im Wahlkampf nichts verloren."

Quelle: APA

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