Innenpolitik

Corona-Stichprobentest offenbart Dunkelziffer: Bis zu 67.400 Infizierte in Österreich

Der Stichprobentest unter 1.544 Österreicherinnen und Österreichern zeigt: Die Dunkelziffer der Covid-19-Infizierten ist deutlich höher als die offiziell bestätigte Fallzahl. Das Sozialforschungsinstitut SORA stellte zusammen mit Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP) am Freitagmorgen die Ergebnisse vor.

Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP) stellte am Freitag die Ergebnisse der Corona-Stichprobentests vor. SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP) stellte am Freitag die Ergebnisse der Corona-Stichprobentests vor.

"Die Coronakrise ist ein Ringen um Leben und Tod", sagte Christoph Hofinger vom Forschungsinstitut SORA. Umso wichtiger seien daher verlässliche Zahlen, die dabei helfen, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Das SORA-Institut hat im Auftrag des Wissenschaftsministeriums einen Stichprobentest durchgeführt, um die Dunkelziffer der mit dem Coronavirus infizierten Personen in Österreich festzustellen. Hierfür wurden 1.544 zufällig ausgewählte Österreicherinnen und Österreicher im Alter zwischen 0 und 94 Jahren getestet.

Wahrscheinlich 28.500 Infizierte Anfang April

Im Zeitraum zwischen dem 1. und 6. April waren wahrscheinlich 28.500 Personen in Österreich außerhalb der Spitäler infiziert, so das Ergebnis der Studie. Das sind 0,33 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Schwankungsbreite liegt bei 0,12 bis 0,76 Prozent. In tatsächlichen Zahlen könnten daher zwischen 10.200 und 67.400 Österreicher mit dem Coronavirus infiziert gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch nur 8.500 Covid-19-Fälle offiziell bestätigt.

Das Ergebnis zeigt, dass der Wert der tatsächlich Infizierten deutlich über dem der bestätigten positiven Fälle liegt, sagt Faßmann. Die Bundesregierung halte dennoch an der schrittweisen Lockerung der Maßnahmen fest. "Aber wir müssen beobachten, ob es nicht zu einer zweiten Welle der Infizierungen kommt. Wir sind nach wie vor in einer sensiblen Phase", sagt der Bundesminister.

Österreich legte mit dieser repräsentativen Studie die erste bundesweite Stichprobentestung innerhalb Europas vor, betonte Günther Ogris von SORA. Die nächste Welle an Testungen wird von Statistik Austria übernommen. Jene, die ausgewählt werden, erhalten bis zum 19. April ein Anschreiben, müssen anschließend ein Onlineformular ausfüllen und werden in Drive-In-Stationen oder zu Hause vom Roten Kreuz getestet. Die nächsten Prävalenzergebnisse werden somit Ende April vorliegen, wie Faßmann am Freitag ankündigte.

Die Pressekonferenz zum Nachschauen:

Faßmann über Herdenimmunität: "Wir sind nicht auf der sicheren Seite"

Die Zahl der Immunisierten, also jenen, die bereits infiziert waren und Antikörper gegen das Coronavirus gebildet haben, konnte mit dem Test nicht festgestellt werden. Das betonte auch Günther Ogris von SORA: "Wir haben nicht getestet, wie viele immun sind, sondern wie viele aktuell infiziert sind." Für die 2.000er-Stichprobe wurden noch PCR-Tests durchgeführt, die auf das Erbgut des Virus anschlagen. Antikörpertests prüfen dagegen, ob das Immunsystem bereits Abwehrkräfte gegen das Virus entwickelt hat. Aufgrund der niedrigen Prozentzahl von wahrscheinlich 0,33 Prozent der Gesamtbevölkerung gehe man aber davon aus, dass der Immunisierungsstatus gering sei. Heinz Faßmann könne sich vorstellen, in Zukunft vermehrt Antikörpertests in Stichproben durchzuführen, um Rückschlüsse auf die Herdenimmunität ziehen zu können. Bislang seien diese Tests aber weder ausreichend geprüft noch aussagekräftig.


Auch der Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sagte im Vorfeld, dass künftig Antikörpertests vermehrt zum Einsatz kommen sollen. Hier gebe es zwar noch Verlässlichkeitsprobleme, aber: "Ich gehe davon aus, dass wir in einer wirklich kurzen Phase dann auch Antikörpertests bei einer Wiederholung von Random-Untersuchungen einsetzen können."

Faßmann betonte bei der Pressekonferenz am Freitag: "Die Maßnahmen, die wir getroffen haben, waren die richtigen. Aber wir sind definitiv nicht auf der sicheren Seite." Auch Anschober sprach hinsichtlich der anhaltend niedrigen offiziell bestätigten Infektionszahlen über einen "erfreulichen Trend". Allerdings sieht der Minister angesichts asiatischer Beispiele wie Singapur auch das Risiko einer zweiten Infektionswelle nach der Lockerung der Maßnahmen nach Ostern. "Daher versuchen wir, sehr kontrolliert vorzugehen", betonte Anschober mit Verweis auf die angekündigten "Schutzmaßnahmen" wie das Tragen von Mund-Nasen-Masken in Supermärkten und in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Rendi-Wagner fordert massive Ausweitung der Corona-Tests

SPÖ-Chefin und Medizinerin Pamela Rendi-Wagner sagte am Freitag: "Die Rückkehr zur Normalität kann nur mit mehr Tests funktionieren". Die mit Dienstag nach Ostern einsetzenden Lockerungen mit der Öffnung vieler Geschäfte sei eine "heikle Phase". Um die Pandemie unter Kontrolle zu halten werde man die angekündigten 15.000 Tests pro Tag - nicht wie aktuell 6.000 - benötigen. Begleitend zur PCR-Testung - mit der Suche nach Erbgut des Virus - sei eine große repräsentative Studie (mit mindestens 10.000 Antikörpertests) über den Immunitätsgrad in der Bevölkerung erforderlich, sagt die ausgebildete Tropenmedizinerin.

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