Zum Rücktritt von Bundeskanzler Werner Faymann schreiben die Zeitungen am Dienstag:
Die "Süddeutsche Zeitung":
"Neue Zürcher Zeitung":
"Schon seit Jahren verliert die SPÖ ihre Stammwähler nach rechts an die Freiheitlichen oder nach links an die Grünen, wie die Bundespräsidentenwahl besonders drastisch gezeigt hat. Darauf hat die Partei keine Antwort gefunden, ihr Kurs wird in der ungeliebten Koalition mit der konservativen ÖVP verwässert und ist kaum noch definierbar. Dazu kommt die Zerrissenheit der Sozialdemokraten in der Asylpolitik und im Verhältnis zur FPÖ...Österreichs Sozialdemokraten haben unter Werner Faymann fast jede Wahl verloren und kaum Akzente setzen können. Dennoch regierten nur drei Kanzler die Republik länger... Seine Politik war nie von grossen Visionen geprägt, doch führte er in der grossen Koalition mit der ÖVP das Land einigermassen unbeschadet durch die Wirtschafts- und Finanzkrise. Die dringend notwendigen Reformen gelangen jedoch kaum, zu oft konnten sich die beiden heterogenen Parteien nur auf einen Minimalkompromiss einigen... Was Kritiker als Sesselkleberei eines Funktionärs bemängeln, der zeit seines Lebens von der Politik lebte, machte Faymann immerhin zum am längsten amtierenden Bundeskanzler Österreichs nach Bruno Kreisky, Franz Vranitzky (beide SPÖ) und Julius Raab (ÖVP). Sie alle haben das Land tiefgreifender geprägt als Faymann, der eher als Verwalter denn als Gestalter in Erinnerung bleiben wird.
"Tages-Anzeiger" (Zürich):
"Keine Diskussionen zulassen, niemanden einbeziehen: Werner Faymann trat so als österreichischer Kanzler zurück, wie er jahrelang regiert hatte... Viel zu lange ignorierte Faymann die ideologischen Gräben in seiner Partei. Die Frage, wie man mit Rechtspopulisten umgehen soll, spaltet die SPÖ... Noch mehr Vertrauen verspielte Faymann in der Flüchtlingspolitik. Der Schwenk weg von der Zusammenarbeit mit Deutschland hin zur Abschottung mit Grenzzäunen und Limiten für Asylbewerber verärgerte den linken Flügel der SPÖ, brachte bei den Präsidentenwahlen aber keine Wählerstimmen... Die FPÖ holt die Unzufriedenen mit simplen Parolen und Schuldzuweisungen ab. Faymann ist für die Freiheitlichen der personifizierte Stillstand... Faymann hörte nur auf ein paar Genossen, die er seit Jugendtagen kennt, und auf den Politikchef des Boulevardblatts 'Kronen Zeitung'."
"Frankfurter Rundschau":
"Die große Koalition hat Österreich einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, wie nur wenige Länder ihn erfahren haben. Aber sie hatte auch das Land unter sich aufgeteilt. Neben dem Bündnis aus ÖVP und Sozialdemokraten hatte jahrzehntelang niemand - schon gar nicht eine andere Partei - eine Chance. Die große Koalition war alternativlos. Das ließ sie die Bürger spüren. Links von ihr gab es in den Augen der Regierungspartner nur Spinner, rechts nur Reaktionäre. Wie die gesellschaftliche Mitte in Österreich sich mehr und mehr einspinnen ließ von der seit dreißig Jahren fremdenfeindlichen FPÖ, das hat weniger mit dieser Partei und auch nicht so viel mit der Flüchtlingsfrage zu tun als vielmehr mit dem Gebaren der Parteien der großen Koalition."
"Magyar Idök" (Budapest):
"Der erste Hausmeister des Beamtenlandes war nicht dazu imstande, den Hof normal aufzuwischen, den Mülleimer rauszutragen und jeden Abend das Tor gut zu verschließen, damit sich nicht nachts jemand hereinschleichen kann. Deshalb war die Geduld der Bewohner am Ende, und bevor die Mieterversammlung den Hausmeister zu verjagen vermochte, nahm dieser seinen Arbeitskittel und trat ab, auf die denkbar unwürdigste Weise. (...) Faymann ist aber kein Einzelfall. In zahlreichen Ländern Europas regieren Hausmeister und Bürokraten. (...) Faymann und seine Gesinnungsgenossen sind unfähig, auch nur eine einzige Entscheidung zu treffen, denn das hieße, Verantwortung zu übernehmen. (...) Diese Mentalität macht die EU unentschlossen, langsam, grau, zum zerstrittenen Haufen und zur lahmen Ente."
"Lidove noviny" (Prag):
"In einem ruhigen Land, wie Österreich eines ist, treten Spitzenpolitiker nicht ohne Warnung und ohne einen klaren Nachfolger ab. Doch Bundeskanzler Werner Faymann hat genau dies getan. Er ist zurückgetreten, weil die Regierung seiner Ansicht nach einen Neustart braucht. Mit dem Wort Restart verbindet man Schwierigkeiten seit der Zeit, als US-Präsident Barack Obama die Beziehungen zu Russland neu starten wollte. Der österreichische Neustart soll die Regierung der etablierten Parteien mitten im Wirbel der Veränderungen schützen. Sie werden von Grünen und Rechtspopulisten an den Rand gedrängt, die sich die Hände nicht schmutzig gemacht haben, als die alten Parteien sich in großen Koalitionen den Staat untereinander aufgeteilt haben."
"El Pais" (Madrid):
"Werner Faymann ist das bisher bedeutendste politische Opfer der Flüchtlingskrise. Der Rücktritt des österreichischen Kanzlers ist eine Botschaft an andere europäische Führer, die der Versuchung erliegen könnten, die Grundprinzipien der EU zu opfern aus Angst, Terrain an den Populismus der extremen Rechten zu verlieren.
Österreich hatte in der Flüchtlingsfrage zunächst die Politik der Öffnung und Integration der Merkel-Regierung in Deutschland unterstützt, dann aber eine Wende zu einer harten Linie vollzogen. Dafür zahlt die Regierung nun den Preis. Faymanns Kurswandel hielt den Vormarsch der populistischen Rechten nicht auf, führte aber zu einem Vertrauensverlust bei den fortschrittlichen Wählern. Die Lehre lautet: Zugeständnisse an den ausländerfeindlichen Populismus stoppen diesen nicht, sondern legitimieren dessen Parolen."
