Innenpolitik

Die Kinder und das liebe Geld

Österreich hat eines der großzügigsten Modelle in puncto Kinderbetreuung und trotzdem eine niedrige Geburtenrate.

Die Kinder und das liebe Geld SN/APA/dpa/Felix KŠstle
In der Familienförderung gehen die Länder Europas unterschiedliche Wege. Nicht immer führt das zu höheren Geburtenraten.  

Ab März wird das Kindergeld in Österreich flexibler - dann können Eltern selbst entscheiden, wie lang sie Kinderbetreuungsgeld beziehen wollen. Ob kürzer oder länger, unterm Strich sollen alle etwa gleich viel bekommen (bis zu 16.449 Euro). Mit der Einführung des flexiblen Kinderbetreuungsgeldkontos rückt Österreich wieder einen Schritt näher an das Modell jenes Landes heran, das vielen als Vorbild gilt, wenn von Elternkarenz, Kinderbetreuung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Rede ist: Schweden. "Schweden gehört sicher zu den Ländern mit den flexibelsten Regelungen", sagt Sonja Dörfler vom Österreichischen Institut für Familienforschung in Wien.

In Schweden gibt es das Kindergeldkonto längst. Eltern können dort bis zum achten Geburtstag der Kinder auch tageweise Karenz nehmen. Insgesamt gibt es 480 Tage (16 Monate) bezahlten Karenzurlaub. 13 Monate lang gibt es 80 Prozent des Letzteinkommens (wer zuvor nicht gearbeitet hat, bekommt einen Fixbetrag), drei weitere Monate einen Pauschalbetrag (600 Euro). Zwei zusätzliche Monate kann man unbezahlte Karenz nehmen. Der Kündigungsschutz gilt nach der Geburt 18 Monate lang, drei Karenzmonate davon sind ausschließlich für den Partner reserviert.

Für Kinder ab eineinhalb gibt es dann einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Kindergärten sind stark subventioniert, aber nicht gratis. Der Anspruch auf Teilzeitarbeit gilt ebenfalls bis zum achten Geburtstag des Kindes. "Allerdings nur, wenn die Arbeitszeit um höchstens 25 Prozent reduziert wird. In Schweden wird die ,große' Teilzeit gefördert, nicht die ,kleine'", sagt Forscherin Sonja Dörfler. Zwar arbeiteten auch in Schweden wesentlich mehr Mütter Teilzeit als Väter. "Das Stundenausmaß und damit auch das Gehalt der Frauen ist aber wesentlich höher als in Österreich", sagt Dörfler. Und auch die Geburtenrate: Sie liegt in Schweden bei 1,9 Kindern pro Frau.

In Österreich lag die Fertilitätsrate zuletzt bei 1,49 Kindern. Tendenz: nur minimal steigend - obwohl die österreichische Regelung in einigen Bereichen großzügiger ist als die schwedische. Der Kündigungsschutz gilt bis zum zweiten Geburtstag des Kindes. Bis zum vierten Geburtstag wird allen Müttern - unabhängig davon, ob sie wieder im Job sind oder nicht - ein Pensionsbeitrag für ein fiktives Einkommen in der Höhe von rund 1500 Euro auf ihrem Pensionskonto gutgeschrieben - ein österreichisches Spezifikum, um Frauenpensionen zu erhöhen und Erziehungszeit zu honorieren. Anspruch auf Elternteilzeit gibt es bis zum siebten Geburtstag des Kindes - wobei die Arbeitszeit "mindestens" um 20 Prozent reduziert werden muss - die Untergrenze sind zwölf Wochenstunden. In Österreich ist das letzte Kindergartenjahr gratis. In Wien sind Krippen und Kindergärten generell gratis.

Seit 2009 gibt es ein einkommensabhängiges Kindergeld - einmal mehr nach Vorbild Schwedens, wo sich das Karenzgeld schon seit den 1970er-Jahren am letzten Einkommen bemisst. In Österreich erhält man bis zum ersten Geburtstag des Kindes 80 Prozent (maximal 2000 Euro) des letzten Nettoeinkommens pro Monat (plus zwei Monate extra für den Partner).

Österreich habe ein Mischsystem, sagt Dörfler. Einerseits das relativ kurze, aber gut dotierte einkommensabhängige Kindergeld, andererseits die Pauschalvarianten, die bis zu drei Jahre dauern können (sofern sich der Vater sechs Monate lang beteiligt).

In Deutschland gibt es seit 2007 nur mehr ein einkommensbezogenes Kindergeld. Statt 80 werden dort nur 67 Prozent des letzten Nettoeinkommens ausbezahlt, statt maximal 2000 Euro sind es in Deutschland 1800 Euro. Die bezahlte Karenzdauer ist mit 14 Monate begrenzt (sofern der Partner zwei Monate übernimmt), arbeitsrechtlich aber hat man drei Jahre lang den Anspruch, in seinen alten Job zurückzukehren. Die Geburtenrate ist in Deutschland mit 1,47 Kindern etwas niedriger als in Österreich.

Anders in Frankreich, das - gemeinsam mit Irland und neuerdings Großbritannien - das Land mit der höchsten Geburtenrate in der EU ist: Im Schnitt bekommt dort jede Frau zwei Kinder (1,96). Und das, obwohl die meisten Frauen sehr rasch und meist wieder Vollzeit arbeiten. Familien mit drei Kindern sind in Frankreich dennoch eher die Regel denn die Ausnahme. Das hat mehrere Gründe: Erstens begünstigt das Einkommenssteuersystem kinderreiche Familien. Mütter und Väter von drei und mehr Kindern sind de facto von der Einkommenssteuer befreit. Und während man bei Kind eins nach dem Mutterschutz (mindestens sechs Wochen nach der Geburt) nur sechs Monate mit je 391 Euro Karenzgeld zu Hause bleiben kann (seit Kurzem gibt es zusätzlich sechs Monate, wenn der Vater daheim bleibt), gibt es ab dem zweiten und dritten Kind bis zu drei Jahre Kündigungsschutz und bezahlte Karenz (391 Euro/Monat). Ein einkommensabhängiges Karenzgeld kennt Frankreich nicht. Das Betreuungsangebot ist dafür groß, schon für die Allerkleinsten, für Kinder ab zwei Jahren, ist es gratis.

In Italien werden besonders wenige Kinder geboren, zuletzt waren es 1,39 pro Frau. Dort gibt es fünf Monate Mutterschutz, in denen 80 Prozent des Gehalts fortgezahlt werden (mindestens vier Wochen müssen vor der Geburt konsumiert werden). Nach dem Mutterschutz kann jeder Elternteil sechs Monate bei 30 Prozent des Letztgehalts in Karenz gehen. Das Kinderbetreuungsangebot ist bescheiden, ohne Oma geht es in den meisten Fällen nicht.

Die Geburtenrate werde von vielen Faktoren beeinflusst, sagt Familienforscherin Dörfler. Dennoch zeigt sich: Dort, wo die Frauenerwerbsquote hoch ist, ist auch die Geburtenrate tendenziell höher.

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