Innenpolitik

Ein Jahr danach: Wie die Flüchtlingskrise Österreich veränderte

Die Flüchtlingskrise, die vor einem Jahr eskalierte, hat Österreich verändert. Das Resümee von Menschen, die damals im Einsatz waren.

Ein Jahr danach: Wie die Flüchtlingskrise Österreich veränderte SN/ERWIN SCHERIAU / APA / picturede
Die Andrang der Flüchtlinge war enorm.

Die Helferin
Vor gut einem Jahr war die Weltpolitik in Marianne Falbs Garten gelandet. Hunderte Flüchtlinge warteten dort auf Tee, Decken und Süßigkeiten. Für Falb aus dem burgenländischen Nickelsdorf war es eine Selbstverständlichkeit, zu helfen. Das war vor rund einem Jahr, als immer mehr Flüchtlinge über Ungarn nach Österreich drängten. Von ungarischen Behörden an die Grenze gebracht, war die 1770-Einwohner-Gemeinde Nickelsdorf das Erste, was die Asylsuchenden von Österreich sahen. Heute ist es wieder ruhig. Aber weil der Flüchtlingsdeal mit der Türkei wackelt, bereitet man sich an der Grenze vor. "Natürlich denkt man sich: ,Was wäre, wenn das noch einmal passiert?'" Falb fürchtet sich ein wenig davor. Nicht vor den Menschen, sondern vor den überforderten Behörden. Sie würde wieder helfen. "Das ist keine Frage. Wenn die Menschen schon da sind, lässt man sie nicht im Regen stehen." Doch was kommt nach der ersten Hilfe? "Integration", sagt sie. Die sei nicht immer einfach und funktioniere am besten im Kleinen. Die rüstige Dame hatte bereits vor der Flüchtlingskrise Asylsuchende einquartiert. Zu Beginn wollte sie nur Wohnraum zur Verfügung stellen. Mittlerweile sorgt sie für 25 Asylbewerber. Putzpläne erstellen, Arztbesuche organisieren, Deutsch lernen. Mit "liebevoller Strenge" versucht sie zwischen Einheimischen und Asylbewerbern zu vermitteln. "Sie müssen sich doppelt anstrengen wie Österreicher, um im Ort akzeptiert zu werden."

Der Verteidigungsminister
Hans Peter Doskozil ist Verteidigungsminister der Republik Österreich. Dass er diesen Posten bekommen hat, hat ursächlich mit der Flüchtlingskrise zu tun. Er war Landespolizeikommandant des Burgenlandes und damit maßgeblich an der Abwicklung der Flüchtlingskrise beteiligt. "Es hat sich langsam aufgebaut", sagt er. Bereits im Juli habe es im Bezirk Neusiedl pro Tag zwischen 300 und 400 Asylanträge gegeben. Und dann kam der 27. August. In Parndorf wurde ein Lkw entdeckt, in dem 71 Flüchtlinge gestorben waren. Es folgten verstärkte Kontrollen gegen Schlepper und wenige Tage später der große Flüchtlingsandrang. "Die Ungarn haben die Leute direkt an die Grenze gefahren, 127 Gelenkbusse an einem Tag", sagt Doskozil. Es sei nur noch darum gegangen, die Leute zu versorgen und nach Deutschland zu bringen. "Gott sei Dank gab es an der Grenze schon eine Infrastruktur, als der große Andrang begann", sagt Doskozil. Zwischen 10.000 und 20.000 Personen seien pro Tag gekommen. Das Wichtigste war, dass die Flüchtlinge unter Kontrolle blieben, sagt er. Hätten sie sich selbstständig auf den Weg gemacht, hätte dies unweigerlich zur Verunsicherung der Bevölkerung geführt. "Es ist einmal passiert, und die Reaktionen waren entsprechend." So wie damals gehandelt worden sei, sei es richtig gewesen. Dass es noch einmal zu einem derartigen Flüchtlingsansturm kommt, glaubt Doskozil nicht. Die Balkanroute sei dicht, der EU-Türkei-Deal halte, die Italiener versuchten, die Probleme zu lösen, sagt er. Aber Österreich bereite sich dennoch vor.

Der Magistratsdirektor
Es war in der Nacht vom 31. August zum 1. September, als Salzburg innerhalb weniger Stunden zum Hotspot der Flüchtlingskrise wurde. Magistratsdirektor Martin Floss erinnert sich. "Ich hab am Abend den Anruf bekommen, dass Hunderte Flüchtlinge Richtung Salzburg unterwegs sind", sagt er. Gemeinsam mit Michael Haybäck, dem Leiter des Amts für öffentliche Sicherheit hat er sich auf den Weg zum Hauptbahnhof gemacht. "Als ich ankam, waren 300 Flüchtlinge am Bahnhof, 1500 reisten gerade an", sagte er. Auch freiwillige Helfer seien vor Ort gewesen. "Als Erstes ist es darum gegangen, die Leute zu versorgen. Die hatten nichts", erzählt er. Nichts zu essen, keine Kleidung. Da musste man helfen. Dann ist es darum gegangen, die Funktionsfähigkeit des Bahnhofs aufrechtzuerhalten. "Es war chaotisch, die Leute sind teilweise auf die Gleise gerannt, die Plattformen waren voll", erzählt er. In den Wochen danach habe sich daran nichts geändert. "Der Bahnhof war nahe dem Kollaps." Noch schwieriger wurde die Situation, als die Deutschen den Zugverkehr einstellten und die Grenzübertritte limitierten. "Wir haben die Tiefgarage als Puffer benutzt, dann ist das Asfinag-Gelände dazugekommen und der Grenzübergang an der Saalach", sagt er. "Hätten die Deutschen die Grenze vollständig geschlossen, wäre Salzburg in wenigen Tage überlaufen gewesen", sagt er.

Der Logistiker
Wenn Andreas Fuhrmann an die Flüchtlingskrise zurückdenkt, sieht er flimmernde Bildschirme, Tabellen, Fahrpläne. Der Logistiker beim Roten Kreuz organisierte mit Mitarbeitern der ÖBB, des Innen- und des Verteidigungsministeriums die Transporte und Notquartiere für Tausende Flüchtlinge, von Mitte September 2015 bis Ende April 2016. "Der längste Einsatz auf so einem hohen Arbeitsniveau", sagt Fuhrmann heute. Hängen geblieben seien die persönlichen Schicksale: "Ein älterer Mann geht zu Fuß durch halb Europa und stirbt an einem Herzinfarkt, als er an der österreichischen Grenze in einen Bus steigt. So etwas lässt dich nicht mehr los." Die Ereignisse vor einem Jahr haben Fuhrmanns Leben verändert. "Ich habe wieder meine Notfallskiste gepackt." Papiere, Bargeld, ein wenig Kleidung in einer Kiste, die schnell griffbereit ist. "Ich habe gesehen, wie es ist, wenn man plötzlich ohne irgendetwas dasteht." Er ist froh, dass es wieder ruhiger ist. Auch weil er nicht weiß, ob die Zivilgesellschaft noch einmal Luft für so einen Hilfseinsatz hätte. Das bereitet ihm Sorgen. "Die Fluchtbewegungen etwa in Afrika sind alarmierend." Man habe vor einem Jahr einen Schuss vor den Bug bekommen, doch eine weitere Flüchtlingskrise könnte noch weit schwerwiegendere Auswirkungen haben. "Ich habe Sorge, dass Europa nichts gelernt hat." Vorausschauende Politik sei jetzt gefragt. "Vor einem Jahr hat man gesehen, dass uns die Weltpolitik etwas angeht."

Der Polizist
Markus Lindner (Name geändert) will das Versagen der Politik nicht noch einmal ausbaden müssen. Der Polizist, der anonym bleiben möchte, war von September bis Dezember 2015 an der Grenze im steirischen Spielfeld im Einsatz. "Gerade am Beginn herrschte dort großes Chaos." Polizisten, Militär und Helfer hätten ohne Koordination gehandelt.

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