Ein Lehrstück von 100 Jahren

1918, das scheint unendlich fern. Aber es ist lehrreich, ein Jahrhundert zurückzublättern.

Studiere die Vergangenheit, dann kennst du die Zukunft, lehrte Konfuzius. Und Otto Habsburg schrieb, wer nicht aus den Fehlern der Geschichte lerne, sei dazu verurteilt, sie zu wiederholen.

Es gibt also gute Gründe, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Und gute Anlässe. Im Jubiläumsjahr 2018 widmen sich die "Salzburger Nachrichten" ausführlich der Geschichte der Republik Österreich. Zwei Mal pro Woche wollen wir ein Jahr dieser einhundertjährigen wechselvollen Geschichte beleuchten, und das in möglichst vielen Facetten.

Die Zeitreise beginnt heute auf den Seiten 2 und 3 mit dem Jahr 1918. Die Fotos aus dieser Zeit sind schwarz-weiß, die Ereignisse scheinen unendlich lang her zu sein und unendlich fern. Die Zeitungen waren 1918 voll mit Berichten über Hungerkrawalle, über verzweifelte Mütter, die Geschäfte plünderten, um Brot und Milch für ihre unterernährten Kinder aufzutreiben. Heute bringen die Zeitungen Abnehmtipps für Mensch und Hund. Und Berichte über die Unmengen an weggeworfenen Lebensmitteln.

1918 hielt kaum jemand das klein gewordene Österreich für lebensfähig. Heute ist unser Land ein Magnet für Menschen aus aller Welt. 1918 erlebte Österreich einen historischen Umbruch und das Ende von 600 Jahren Habsburger-Herrschaft. Heute werden schon Weltcupsiege von Skifahrern mit dem schmückenden Beiwort "historisch" versehen.

Auch die Rolle des Staates hat sich in den hundert Jahren grundlegend verändert. Damals war er tatsächlich das, was heute "schlanker Staat" genannt wird. In Zeiten der Monarchie wurde bereits eine Einkommenssteuer von 0,5 Prozent als Gipfel der Enteignung angesehen. Heute liegt die Abgabenquote bei 43 und der Spitzensteuersatz bei 55 Prozent.

Mit der finanziellen Dotierung des Staates wuchsen seine Aufgaben. 1918 steckte der Sozialstaat noch in den Kinderschuhen, viele Menschen hungerten und froren. Heute fließen mehr als 30 Prozent der Wirtschaftsleistung ins Sozialwesen. Die Sozialausgaben betragen über 100 Milliarden Euro pro Jahr. Tendenz: Jahr für Jahr steigend. Schon ein Bremsen des Anstiegs gilt heute als soziale Kälte.

Sich diese Veränderungen hin und wieder vor Augen zu führen ist überaus lehrreich. Ingeborg Bachmann sagte zwar, die Geschichte lehre ununterbrochen, aber sie finde keine Schüler. Doch wenn man die so positive Entwicklung Österreichs in den vergangenen hundert Jahren betrachtet, war diese Bemerkung eindeutig zu pessimistisch.

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