Innenpolitik

Elfriede Hammerl: "Deine Feinde sind nicht die Männer"

Warum Alt gegen Jung die Frauen spaltet, warum ihr das Kopftuch "schwer auf die Nerven geht" und warum sie es für einen Rückschritt hält, wenn Feminismus von Politikerinnen als anrüchig gesehen wird: Feministin Elfriede Hammerl im Interview.

Es ist ja nicht so, dass die alten Emanzen alle schiach und grauslich waren“, sagt Die Kolumnistin Elfriede Hammerl. SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Es ist ja nicht so, dass die alten Emanzen alle schiach und grauslich waren“, sagt Die Kolumnistin Elfriede Hammerl.

Elfriede Hammerl (74) schreibt seit Jahren eine Kolumne für das "profil", die sich schwerpunktmäßig mit Frauenpolitik beschäftigt. Sie hat mehrere Bücher verfasst und war 1997 eine Mitinitiatorin des ersten Frauenvolksbegehrens.

Frau Hammerl, sind Sie eine alte weiße Feministin? Elfriede Hammerl: Ja. Als ich den Begriff jüngst verwendet habe, ging's um Alice Schwarzer, die mittlerweile bei den Jungen einen so angekratzten Ruf hat. Und das versteh ich eben nicht ganz.

Hintergrund ist der Schlagabtausch zwischen Feministinnen der ersten Stunde und jungen, selbstbewussten Frauen, die von einem überholten, veralteten Feminismus sprechen. Wie sehen Sie diesen Generationenstreit? Die Anliegen sind doch immer noch dieselben: Wir möchten, dass Frauen gleichgestellt sind, dass sie das gleiche Recht auf individuelle Lebensentwürfe haben und halbwegs gleiche Chancen, die zu realisieren. Ich möchte ein gutes Leben für alle Frauen. Punkt. Da unterscheiden wir uns nicht von den jungen Feministinnen. Auch die Wege, die zu diesem Ziel führen, können nicht so unterschiedlich sein. Aber manchmal habe ich schon das Gefühl, dass sich die Jungen abgrenzen müssen, weil sie jung sind. Dazu kommt, dass dieser Generationenkonflikt dazu verwendet wird, die Frauen zu spalten. Die Debatte kehrt alle fünf bis zehn Jahre wieder: Da gibt es dann Artikel über die jungen Feministinnen, die sich so toll von den alten, verbitterten Emanzen unterscheiden und es nicht mehr nötig haben zu kämpfen und auch wieder sexy sein dürfen. Es ist ja nicht so, dass die alten Emanzen alle schiach und grauslich waren. Aber leider gibt's halt auch immer wieder Frauen, die darauf reinfallen.

Oft mischt sich der Vorwurf hinein: Wir haben für Dinge gekämpft, die ihr wieder freigebt. Sehen Sie das auch so? Feminismus ist nicht bevormundend, nicht imperialistisch. Und er war immer offen für alle Frauen. Aber es macht mir Sorge, wenn Dinge infrage gestellt werden, die eigentlich selbstverständlich sind.

Was zum Beispiel? Es stört mich, dass die Geschlechtszugehörigkeit wieder ein gewisses Verhalten nach sich ziehen soll. Das fängt bei der Bekleidung an. Wenn etwa eine höhere Macht möchte, dass ich das und das mache. Da sind wir wieder bei Schwarzer, der immer vorgeworfen wird, sie hätte eine islamfeindliche Haltung. Ich sehe das nicht. Meine antiislamische Haltung ist genauso wie meine antikatholische: Ich finde den Zugang der Religionen zur Frauenfrage einfach äußerst kritikwürdig. Ich sehe nicht ein, dass ich jetzt, wo ich mich am Christentum abgearbeitet habe, vor dem Frauenbild im Islam den Hut ziehen soll. Und ich verstehe Alice Schwarzer, wenn sie das auch so sieht.

 Elfriede Hammerl am Dienstag, 31. Jänner 2017, anlässlich der Verleihung der Auszeichnungen "Journalisten des Jahres 2016" in Wien.  SN/APA/HANS PUNZ
Elfriede Hammerl am Dienstag, 31. Jänner 2017, anlässlich der Verleihung der Auszeichnungen "Journalisten des Jahres 2016" in Wien.

Ist Feminismus mit Religion vereinbar? Für mich nicht. Mir geht es auch auf die Nerven, dass sich das immer auf eine religiöse Debatte reduziert und ständig Toleranz gegenüber den Religionen gefordert wird. Es soll jeder glauben, was er will. Aber ich hätte bitte gern einen säkularen, wenn nicht gar laizistischen Staat.

Diese Debatte wird oft aufs Kopftuch reduziert, oder? Klar. Ich halte das Kopftuch nicht für ein religiöses Symbol, sondern für ein Ungleichstellungsmerkmal, und als solches geht es mir schwer auf die Nerven. Es gibt den Spruch: Das Kopftuch ist dann ein normales Kleidungsstück, wenn keine Frau mehr gezwungen wird, es zu tragen. Ich verstehe junge Muslimas natürlich auch ein bisschen, die sagen, das will ich mir nicht vorschreiben lassen. Aber das ist ein Schichtproblem: Es ist ein Unterschied, ob eine junge, gebildete Muslima hierzulande es sich als Identifikationsmerkmal aufsetzt. Nach dem Motto: Wenn man mich dafür ächtet, dann trag ich es justament. Aber das hilft nicht jenen, die es unter ganz anderen Bedingungen tragen müssen. Also wenn eine Erwachsene glaubt, das tragen zu müssen, dann werde ich nicht dreinreden. Aber ich möchte nicht, dass jemand mit Kopftuch die Staatshoheit repräsentiert, nicht als Richterin, nicht als Lehrerin, nicht als Polizistin.

Dann sind Sie einer Meinung etwa mit der ÖVP, die das Kopftuchverbot für Schülerinnen bis 14 ausdehnen will? Grundsätzlich finde ich das richtig. Aber wir haben das Problem, dass dieses Kopftuchverbot heuchlerisch ist. Deswegen gibt es bei vielen säkularen Feministinnen auch Abwehrreflexe. Das Argument, wir kämpfen für Emanzipation, indem wir das Kopftuch verbieten, ist in der Form sicher keine Lösung. Und es stimmt auch nicht. Das Frauenbild der ÖVP, mit dem wir jahrzehntelang zu kämpfen hatten, ist nicht eines, das ich bewundere.

Die neue Frauenministerin sagt, sie mag das Etikett "Feministin" nicht, sie trete aber natürlich dafür ein, dass Frauen alle Rechte und Chancen haben und Wahlfreiheit … … ja welche Wahlfreiheit? Die Wahl, arbeiten zu gehen oder nicht, hat jeder Mensch. Aber was sind die Konsequenzen? Ich halte es schon für einen gewaltigen Rückschritt, wenn Feminismus von Politikerinnen als anrüchig gesehen wird. Das ist Trittbrettfahrerei: Ich bin emanzipiert, aber keine Emanze. Ich nehme gern in Anspruch, was die Emanzen für mich erkämpft haben, aber ich möchte mich nicht dafür einsetzen. Was ist das für eine Haltung?

Die Regisseurin Sabine Derflinger, deren Film über Johanna Dohnal gerade in den Kinos läuft, sagt, dass die Frauenpolitik in Österreich kontinuierlich auf dem Rückschritt sei, seit Dohnal nicht mehr da ist. Stimmt das? Das hat was für sich. Wobei: Solange es die Dohnal gegeben hat, ist sie ständig angegriffen worden, auch von vielen Frauen. Und im Nachhinein wird sie heiliggesprochen. Mehr Unterstützung zu ihren Lebzeiten hätte genützt. Die großen Veränderungen, die es unter ihrer Ägide gegeben hat, gab es später nicht mehr. Und die großen ungelösten Klassiker sind immer noch da: die Einkommensschere, die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit und die Gewalt gegen Frauen, die zunimmt.

Wie ist Ihr Resümee der #MeToo-Bewegung? Es war ganz wichtig, dass alles einmal zur Sprache gekommen ist und Frauen es nicht für sich behalten, wenn sie sexuell belästigt oder gar missbraucht werden. Es gibt natürlich den Einwand, dass verhältnismäßig geringfügige Belästigungen ebenso zur Sprache kamen. Ja, aber es verlangt niemand, dass alles, was zur Sprache gekommen ist, gleich gewichtet wird. Die Verurteilung von Herrn Weinstein ist eine erfreuliche Sache.

Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben? Deine Feindinnen sind nicht die Frauen der vorigen Generation. Deine Feinde sind nicht die Männer. Sondern es geht immer um die Strukturen und die Rahmenbedingungen. Schau dir genau an, wogegen du dich wehren musst und lass dir nicht was Falsches einreden. Das hat früher gegolten, das gilt heute.

Hinweis: Am 17. August sind Elfriede Hammerls gesammelte Profil-Kolumnen in einem Buch unter dem Titel "Das muss gesagt werden" im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen.

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