Innenpolitik

Erinnerungsbilder an NS-Opfer in Wien zerschnitten

Die Erinnerungsbilder an die Opfer der NS-Gräuel auf der Wiener Ringstraße sind erneut beschädigt worden. In der Nacht auf Montag wurden mehrere Porträtfotos von Überlebenden der NS-Verfolgung zerschnitten. Der Fotograf der Ausstellung "Gegen das Vergessen" zeigte sich in einem Facebook-Posting erschüttert, ebenso die Initiatoren vom Psychosozialen Zentrum ESRA und der Bundespräsident.

Die Tafeln wurden bereits zum dritten Mal zerstört. Das Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) ermittelt. "Es wird überprüft, ob der Platz möglicherweise durch Videoüberwachung abgedeckt sein könnte", sagte Polizeisprecher Harald Sörös.

"Tief betroffen" zeigte sich Bundespräsident Alexander Van der Bellen. "Ich weiß, dass der allergrößte Teil der österreichischen Gesellschaft einen klaren, ablehnenden Standpunkt zu den NS-Gräueltaten hat. Dass es welche gibt, die mit der Wahrheit und dem Mahnen, das diese Fotos ausdrücken, nicht umgehen können, ist erschütternd. Es muss für uns Ansporn sein, Empathie und Menschenwürde in das Zentrum von Worten und Taten zu stellen", twitterte der Bundespräsident. "#NiemalsWieder darf nicht zur Floskel werden - wir müssen es täglich leben!", forderte Van der Bellen.

"Ich bin einfach nur sprachlos, schon wieder gab es ein Anschlag auf meine Bilder. Österreich was ist los mit dir???? Weder die Polizei noch das Österreichische Innenministerium sind in der Lage Schutz zu leisten", schrieb der deutsch-italienische Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano auf Facebook. "Wir werden uns von dieser Aggression nicht einschüchtern lassen und planen, die Ausstellung auch in anderen österreichischen Städten zu zeigen. Wir hoffen sehr auf das Interesse und Engagement von Verantwortlichen wie z.B. BürgermeisterInnen", gab sich Peter Schwarz, Geschäftsführer von ESRA, in einem Statement kämpferisch.

Die Foto-Ausstellung ist direkt auf der Ringstraße vor dem Heldenplatz platziert und bis Ende Mai zu sehen. Sie wurde vom Zentrum ESRA, das seit 25 Jahren Überlebende der NS-Verfolgung und andere traumatisierte Menschen betreut und behandelt, nach Wien geholt; die Eröffnung am 7. Mai erfolgte durch Bundespräsident Alexander Van der Bellen. "Bei den meisten Besuchern der Ausstellung weckt es Empathie und das Verständnis, welches Leid die Nazis über Österreich und Europa brachte. "Es sind mahnende Fotos, die das 'Niemals wieder' für Betrachter als Botschaft spürbar machen", schrieb ESRA in der Stellungnahme.

Für ESRA ist der bereits dritte derartige Vorfall "äußerst besorgniserregend". Erst vergangene Woche wurden Teile der Ausstellung mit Hakenkreuzen beschmiert. Bereits einige Tage nach der Ausstellungseröffnung wurden mehrere Porträts mit Messern beschädigt. Über den neuerlichen "antisemitischen und respektlosen Akt der Zerstörung" ist ESRA empört. "Es ist ein Akt gegen das Erinnern. Ein Akt gegen das Bemühen um Geschichtsbewusstsein und ein Akt gegen den Kampf für Menschlichkeit, Menschenwürde. Es ist ein Akt gegen alle Lehren, die aus Österreichs NS-Geschichte zu ziehen sind", sagte Schwarz. ESRA fordert die Behörden auf, alles zur Aufklärung der Straftaten zu unternehmen und für die Sicherheit bis Ende der Ausstellung zu sorgen.

Nachdem die Erinnerungsbilder zum dritten Mal beschädigt worden sind, wurden am Montag gleich drei Mahnwachen angekündigt. Neben dem Künstlerkollektiv Nesterval will auch die youngCaritas eine Aktion setzen. Die Muslimische Jugend Österreich rief zu einer Nachtwache auf. Alle drei sollen bis zum Ende der Ausstellung am 31. Mai laufen.

Das Performancekollektiv Nesterval mit seinem Ensemble und Team will die Kunstwerke bis zum Ende der Ausstellung am 31. Mai bewachen - pausenlos, schrieb das Kollektiv auf Facebook. Gegenüber dem ORF sagte eine Sprecherin des Vereins mit 60 fixen Mitgliedern, dass man sich alle zwei, drei Stunden ablösen wolle. Über die bereits dritte Zerstörung der Tafeln mit Porträtfotos von Überlebenden der NS-Verfolgung sei Nesterval "zutiefst erschüttert". "Wir stehen auf. Gegen das Vergessen. Gegen den Hass", hieß es auf Facebook. Wer aktiv mithelfen möchte, könne sich via Mail an team@nesterval.at wenden.

Auch die Muslimische Jugend Österreich rief zu einer Nachtwacheaktion auf. Denn speziell Muslime "sind zu dieser Zeit wach, weil sie ihr Fasten brechen, das Nachtgebet verrichten und sich für den neuen Fastentag vorbereiten", hieß es in einem Facebook-Posting. Gerührt davon zeigte sich der deutsch-italienische Fotograf der Porträts, Luigi Toscano, auf Facebook. "Last uns ein Zeichen setzten bitte und unterstützt diese wunderbaren Menschen", schrieb Toscano.

Die Caritas rief ebenso unter dem Motto "Wir passen auf!" zur Mahnwache auf. "Wir wollen nicht tatenlos zusehen! Wir wollen nicht sprachlos bleiben! Mach auch du mit und bewache die Ausstellung am Wiener Ring, die noch bis 31. Mai läuft. Ab 15:30 Uhr geht es los! Wir brauchen dich! Gegen das Vergessen!", hieß es in einem Posting auf Facebook.

Auch der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) wird am Montagabend eine Mahnwache abhalten. Zuletzt wurden die Bilder, die an die NS-Gräuel erinnern, von unbekannten Tätern zerschnitten. "Es wurde versucht, den Überlebenden ein weiteres Mal ihr Gesicht und ihre Menschlichkeit zu nehmen - lassen wir das nicht geschehen! Rücken wir die Überlebenden und ihr Schicksal noch stärker ins öffentliche Bewusstsein und setzen wir ein sichtbares Zeichen!", hieß es in der entsprechenden Ankündigung auf Facebook.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) reagierte am Montag "entsetzt und betroffen" über die neuerliche Beschädigung der Erinnerungsbilder. Auch Caritas-Präsident Michael Landau verurteilte die Zerstörung: "Unfassbar und beschämend!", schrieb er auf Twitter. Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, forderte auf Twitter Konsequenzen. Die SPÖ-Sprecherin für Gedenkkultur, Sabine Schatz, zeigte sich in einer Aussendung erschüttert und kündigte eine parlamentarische Anfrage zum Stand der Ermittlungen an.

Quelle: APA

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