Innenpolitik

Immer mehr Wahlärzte, Zahl der Vertragsärzte stagniert

Der Vorschlag von SPÖ-Gesundheitssprecher Erwin Spindelberger, das Wahlarzt-System abzuschaffen, hat zuletzt hohe Wellen geschlagen. Sieht man sich die Daten von Ärztekammer und Hauptverband an, so fällt auf, dass die Zahl der Ärzte mit Kassenvertrag seit dem Jahr 2000 bei rund 8.500 stagniert, während es immer mehr Wahlärzte gibt - zuletzt waren es rund 9.500.

Immer mehr Wahlärzte, Zahl der Vertragsärzte stagniert SN/APA (Symbolbild)/HELMUT FOHRINGE
Als Wahlarzt verdient man deutlich besser.

Vor 16 Jahren gab es demnach noch 8.203 Ärzte mit Kassenverträgen. Im Dezember 2015 lag diese Zahl dann bei 8.252. In der Ärztekammer betont man in diesem Zusammenhang, dass zwar die Zahl der Ärzte mit Kassenverträgen konstant geblieben ist. Dem sei aber das starke Bevölkerungswachstum entgegenzusetzen, pro Kopf sei die Zahl der Kassenärzte sogar gesunken.

Auch die Daten des Hauptverbandes zeigen eine Stagnation, hier werden allerdings nur die Ärzte der "großen" Kassen (Gebietskrankenkassen) ausgewiesen: Im Jahr 1995 gab es demnach 6.640 GKK-Ärzte in Ordinationen oder Gruppenpraxen, im Jahr 2000 6.941 Ärzte. Bis zum 1. Jänner 2015 stieg diese Zahl laut den Hauptverbands-Daten auf 7.215 an.

Eine starke Zunahme verzeichnete die Ärztekammer hingegen bei den Wahlärzten: Demnach gab es im Jahr 2000 noch 4.768 Ärzte mit Ordination ohne Kassen. Diese Zahl stieg bis Dezember des Vorjahres auf 9.566 Ärzte an.

Die Debatte sorgte auch am Donnerstag für Diskussionen. Nachdem Patientenanwalt Gerald Bachinger im Ö1-"Morgenjournal" der Ärztekammer vorgeworfen hatte, mit der Verteidigung des bestehenden Systems die Zwei-Klassen-Medizin zu fördern, wies die Standesvertretung dies empört zurück.

Bachinger hatte erklärt, ihn irritiere an der Diskussion, dass das Wahlärzte-System - "das ja nichts anderes ist als ein Zwei-Klassen-Medizin-System" - so vehement verteidigt werde. "Wir bewegen uns offensichtlich im österreichischen Gesundheitssystem immer weiter von unseren Grundpfeilern der Solidarität, der Gerechtigkeit und der Gleichheit weg", sagte der Patientenvertreter im "Morgenjournal".

Denn der Gang zum Wahlarzt sei keine "Wahlfreiheit", wie von der Ärztekammer behauptet - "denn diejenigen, die es sich leisten können, bekommen öffentlich subventioniert diese Wahlfreiheit, und diejenigen, die es sich nicht leisten können, die sind dann in einen zweitklassigen kassenärztliche Bereich abgedrängt." Warum das von "diversen Ärztekammerpräsidenten" so vertreten wird, verwundere ihn nicht, "denn sie haben ja immer wieder bewiesen, dass ihnen Monetik wichtiger ist als Ethik".

Empört reagierte der Vizepräsident der Ärztekammer und Obmann der niedergelassenen Ärzte, Johannes Steinhart: "Ich muss das auf das Entschiedenste zurückweisen, gerade wir treten oft für sehr ethische Regelungen ein", sagte er im Ö1-"Mittagsjournal". Er betrachte das als eine "vollkommen unzulässige Unterstellung".

Das Wahlarzt-System verteidigte Steinhart einmal mehr. Dies sei "Ausdruck dessen, dass ein Mehrangebot notwendig ist", dadurch werde das Kassen-System "massiv gestützt".

Kritik an Bachinger kam auch von der FPÖ und vom österreichischen Hausärzteverband. Bachinger falle den Patienten in den Rücken, meinte FPÖ-Gesundheitssprecherin Dagmar Belakowitsch-Jenewein in einer Aussendung. Denn er sei - nach Spindelberger - "ein weiterer Propagandist des Staatssozialismus im Gesundheitswesen nach dem Vorbild DDR". Die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung könne nur durch eine Stärkung des Hausarztsystems und damit des freiberuflichen Berufsbildes der Mediziner gewährleistet werden.

Kritik an von Bachinger ebenfalls im Ö1-Interview geäußerten Plädoyer für die Einführung von Primärversorgungszentren kam unterdessen vom Hausärzteverband. Die "ernüchternde Wirklichkeit" sei, dass "anonyme Versorgungszentren mit Fließbandmedizin von früh morgens bis spät abends" "gesundheitspolitische Rohrkrepierer" seien. "Bei dieser Verunsicherung werden immer weniger Ärzte bereit sein, eine Kassenpraxis in Einzelform zu übernehmen. Besonders am Land wird sich das sehr negativ auswirken", heißt es in einer Aussendung der Standesvertretung.

Quelle: APA

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